Sport : Die Nostalgiker

In 18 Tagen durch die Liga (10) – die Serie zum Fußball-Saisonstart/Heute: 1860 München

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Die neue Saison der Fußball-Bundesliga beginnt am 9. August. Anhand von zehn Fragen stellen wir bis dahin alle 18 Vereine vor.

Wer hat das Sagen? Es gibt nur ein Schwergewicht beim TSV 1860 München: Präsident Karl-Heinz Wildmoser. Der Großgastronom und Wiesnwirt regiert den Klub seit 1992 im Stile eines feudalen Herrschers. Was er sagt, ist Gesetz. Eine Opposition gibt es zwar auch, die „Freunde des Sechz’ger Stadions“, doch sie zählt bislang nur einige hundert Mitglieder, die auf der Jahreshauptversammlung durch Herumkrakeelen auffällt. Auch die Nachfolgeregelung ist mittelalterlich: Ab 2006 soll Heinz Wildmoser junior auf den Thron folgen. Prinz Wildmoser junior sitzt beim TSV 1860 München bereits auf diversen Posten, für die er kraft Abstammung qualifiziert ist.

Was ist das Besondere? Dass der Klub aus München stammt und trotzdem nicht FC Bayern heißt. Er ist die weiß-blaue Alternative zur roten Erfolgsmaschine. Doch unter Karl-Heinz Wildmoser nähert sich der Verein an den Rivalen an, bekam professionellere Strukturen und zog ins Olympiastadion um. Das ist aber auch ein Problem. 1860 schöpft seine Identität aus der Vergangenheit. Aus der Meisterschaft von 1966, aus elf Jahren Bayernliga oder dem Grünwalder Stadion. In der Gegenwart sucht der Klub nach einem Image, es gibt nicht so viel, was an 1860 noch besonders ist. In dieser Saison: 1860 hat den schmierigsten Trikotsponsor der Liga, der Chemie-Hersteller Liqui-Moly verkauft Öle fürs Auto. Und: Der Verein, den alle Fans nur „die Löwen“ nennen, läuft gestreift wie ein Zebra auf den Rasen.

Was hat sich verbessert? Nichts. Im Gegenteil, zwei weitere Identifikationsfiguren verließen den Klub: Bernhard Winkler, der Stürmer, der mit dem Klub 1994 in die Bundesliga aufstieg, und Daniel Bierofka, ein Münchner mit fußballerischer Zukunft. Klar ist jedoch, was sich verbessern muss: die Abwehr. In der vergangenen Saison kassierten die Sechziger 59 Tore, nur die drei Absteiger und Energie Cottbus ließen sich öfters übertölpeln.

Wie sicher ist der Trainer? Fünfeinhalb Euro gibt es für einen Euro beim Sportwettenanbieter centrebet.com, wenn Peter Pacult als erster Trainer der Saison rausfliegt. Das ist nicht viel Geld, nur für eine Demission von Trainer Andreas Brehme in Kaiserslautern gibt es weniger. Grund für Pacults unsicheren Job ist das Ausscheiden im UI-Cup gegen das weißrussische Team Bate Borisow. 0:1 und 0:4 blamierte sich der TSV 1860. „Prima, jetzt können wir uns auf die Bundesliga konzentrieren“, spottete Wildmoser senior. Was er vergaß: Auch das Zählen der UI-Cup-Einnahmen ist nun nicht schwierig. Der Kassierer muss nur unter dem Heimspiel gegen Borisow einen Strich ziehen und addieren.

Wie passen die Neuen? Ins Budget sehr gut. Remo Meyer (Lausanne Sports) kostete 825 000 Euro Ablösesumme, der Vertragsamateur Sandro Cescutti (SpVgg Ansbach) 100 000, der Brasilianer Rodrigo Costa (Gremio Porto Alegre) und Danny Schwarz (SpVgg Unterhaching) kamen ablösefrei. Abwehrspieler Costa, der schon seit März mittrainiert, und Verteidiger Meyer besitzen einen Stammplatz. Außerdem sucht der Klub noch einen Spieler für die linke Abwehrseite. Nur kosten darf er nichts.

Welche Taktik ist zu erwarten? Trainer Peter Pacult bastelt noch an der Abwehr, die ihm im vergangenen Jahr so viele Sorgen bereitete. Eine Dreierkette oder Viererkette steht zur Debatte, wobei in letzterer der Schweizer Meyer und der Brasilianer Costa die zentralen Positionen besetzen. Weiterhin wird der Österreicher mit zwei Angreifern spielen, wobei Martin Max und Paulo Agostino die besten Chancen besitzen.

Wer sind die Stars? Den aktuellen Helden des TSV 1860 ist eines gemeinsam: Alle wurden sie woanders groß. Thomas Häßler (36), Davor Suker (34) und Martin Max (34) machten sich zwischen Karlsruhe, Madrid und Mönchengladbach einen n, ehe sie sich an der Grünwalder Straße trafen. Aber so haben es die Sechziger mangels Finanzkraft zuletzt immer gehalten, Abedi Pele oder Piotr Nowak heuerten auch erst im Herbst ihrer Karriere an. Immerhin hat sich das Renaissance-Konzept bislang bewährt.

Wie wird der Mangel verwaltet? Im Trainingslager in Sterzing bezogen die Spieler erstmals seit langem wieder Doppelzimmer. Aber nicht um Geld zu sparen, Pacult möchte den Gemeinschaftssinn fördern. Doch irgendwo müssen die fehlenden sieben Millionen Euro eingespart werden. Der Etat wurde von 33 auf 29 Millionen Euro gesenkt, nun wird mit den Spielern über eine flexible Prämienregelung verhandelt.

Was gibt das Stadion her? Ach Gott, das Stadion. Als 1860 München neulich gegen Borisow erstmals wieder im Grünwalder Stadion spielte, kamen offiziell 13 000 Fans, inoffiziell sollen es noch ein paar mehr gewesen sein. Sie alle feierten ein nostalgisches Fußballfest. Zugang Costa wunderte sich, warum der Klub nicht immer dort spiele, alle anderen Spieler, die um die Brisanz dieses Themas wissen, hielten die Klappe. Zumal feststeht: Bis 2005 wird 1860 München im Olympiastadion spielen, danach in der noch zu bauenden Allianz-Arena in Fröttmaning.

Wie sind die Fans? Leidensfähig. Wer elf Jahre Bayernliga übersteht, den kann nichts mehr erschüttern. Nach dem 0:4 in Borisow, Weißrussland, überlegten zwar einige Getreue auf der Heimfahrt, zu Wacker München zu wechseln - der Münchner Traditionsklub spielt in der drittuntersten Liga. Doch das Weißwurst-Frühstück im vereinseigenen Löwenstüberl am Morgen nach dem 80-stündigen Trip versöhnte die Fans. Zumal die Spieler zahlten. Benedikt Voigt

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