Sport : Die Nr.1 ist jetzt weit entfernt

JÖRG ALLMEROTH

Für den entthronten Tennischampion Becker bleiben die Australian Open "ein Rätsel" VON JÖRG ALLMEROTH

Melbourne. Der fünfte Satz der grausamen Hitzeschlacht war angebrochen, Boris Becker stapfte nur noch lethargisch über den glühend heißen Center Court.Jeder Schritt wurde dem Mann mit dem tiefroten Gesicht, der seine Mission der erfolgreichen Titelverteidigung mit so großen Hoffnungen angegangen war, zur "nackten Qual", jeder Schlag geriet zur "absoluten Tortur".Einzig das Unterbewußtsein steuerte den amtierenden Champion, der in dem 60 Grad heißen Backofen keine wirkliche Kontrolle mehr über sich hatte: "In meinen Kopf fühlte sich das Gehirn an wie eine Portion Rührei", sagte der 29jährige später sarkastisch, "es war ein Spiel, das zum reinen Überlebenskampf wurde". Doch nach drei Stunden und 31 Minuten in der Open Air-Sauna von Melbourne hatte Becker den spannenden, wenn auch nicht hochklassigen Fight um seine weitere Grand Slam-Präsenz gegen den underdog Carlos Moya aus Spanien verloren.Der grandiose Sieger des Vorjahres war am ersten Tag des 97er Titelrennens ein am Boden zerstörter Hauptdarsteller.7:5, 6:7 (4:7), 6:3, 1:6 und 4:6 - so sah das blanke Zahlenwerk eines Zweikampfs aus, der Beckers großanlegte Tennis-Offensive in der neuen Saison zunächst im Keim erstickte. "Das Ziel, die Nummer eins der Rangliste zu werden, ist jetzt weit entfernt", erkannte Becker, der die 1070 Siegerpunkte des Vorjahres für die Weltrangliste glatt verlor.In den Charts sackt Becker nun vermutlich auf den achten oder neunten Platz ab: "Kein Zweifel", bemerkte der Deutsche nach dem ernüchternden Knockout, "dies ist ein klassischer Fehlstart für mich".Völlig unerwartet durfte sich Becker in eine vierwöchige Tennis-Pause bis zum Turnier in Dubai (ab 10.März) verabschieden.An eine mögliche Revision seiner Daviscup-Absage für das Erstrundenmatch gegen Spanien verschwendete der 29jährige keinerlei Gedanken: "In Spanien warten gleich zehn von der Sorte Moyas auf mich, das muß ich nicht haben". Mit dem Desaster krochen bei Becker wieder Gedanken an die überwunden geglaubte Pannenserie beim ersten Grand Slam-Turnier der Saison hoch: Schon in den Jahren 1993 (gegen Anders Jarryd) und 1995 (gegen Patrick McEnroe) war Beckers erster Einsatz in Melbourne zugleich sein letzter gewesen.1992 war er in der dritten Runde gegen John McEnroe ausgeschieden und 1994 hatte er wegen der Geburt seines Sohnes Noah Gabriel eine Babypause eingelegt.Auch 1996, bei seinem zweiten Titel-Coup am anderen Ende der Welt, hatte Becker in den ersten beiden Runden, in den Fünf-Satz-Duellen gegen Greg Rusedski und Thomas Johannson äußerst bedrohliche Situationen überstehen müssen.So fügten sich für den Deutschen die Eindrücke einer jahrelangen, enervierenden Berg-und-Talfahrt zum Fazit zusammen: "Die Australian Open sind ein sehr großes Rätsel für mich".Hier, so Becker, "ist einfach nichts unmöglich". Der flinke Moya wurde zum Spielverderber für Becker, der von Minute zu Minute mehr ausgedörrt wurde: "Die hohen Temperaturen", gab auch Moya zu, "waren der entscheidende Faktor für meinen Sieg".Schon der Verlust des zweiten Satzes im Tiebreak war der ausschlaggebende Faktor für das Becker-Fiasko, denn damit waren der sonst so starke Wille und das Selbstbewußtsein des Champions gebrochen.Die erbarmungslosen Bedingungen, für Becker "die schlimmsten, unter denen ich je in Australien Tennis gespielt habe", raubten dem Favoriten jegliche Stabilität und Souveränität.Die Unsumme von 13 Doppelfehlern und 87 nicht erzwungenen Fehlschlägen trieb Becker zur reinen Verzweiflung.Wieder einmal bezichtigte sich der 29jährige Centre Court selbst als "Anfänger" und "Stümper". Erstaunlicherweise nutzte der apathische Becker weder Moyas Schwächephase noch den Gewinn des dritten Satzes, um bei 2:1-Satzführung das Spiel zu beenden.Der sechsfache Grand Slam-Sieger stellte seine Bemühungen praktisch ein: "Ich habe einfach aufgehört zu spielen.Es war, als sei ich gar nicht mehr auf dem Platz".Auch die Wende im rauschenden Schlußspurt, sonst Beckers Spezialität, war "nicht mehr drin": Der Titelverteidiger spielte zwar im Schlußsatz druckvoller, aber seine Bälle verfehlten das Ziel meist deutlich.Mit dem Break Moyas zum 3:4 fiel die Vorentscheidung gegen Becker, der eine Hoffnung aber doch nicht aufgeben mochte: "Solange ich aktiver Tennisspieler bin, bleibt mein Traum, noch einmal die Nummer eins zu werden".

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