Sport : Die öffentliche Harmonie

Bei der Wahl von Mayer-Vorfelder und Zwanziger zur neuen DFB-Doppelspitze ist Frieden Pflicht

Stefan Hermanns[Osnabrück]

Kurz bevor es ernst wird, überkommen Theo Zwanziger doch noch Zweifel, „ob das richtig ist, was ich hier mache“. Natürlich ist das nicht ernst gemeint, als er noch in seiner Funktion als Schatzmeister vor den Delegierten des DFB-Bundestages diesen Satz spricht. Aber Zwanziger weiß auch, dass der Schatzmeister im Deutschen Fußball-Bund (DFB) beachtlichen Einfluss besitzt. Aus diesem Amt hat er sich im Sommer in einen Machtkampf mit dem DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder begeben, der gestern in Osnabrück auch formal in Wohlgefallen aufgelöst wurde. Mit vier Gegenstimmen billigen die Delegierten die temporäre Strukturreform des Verbandes. „Da bin ich stolz drauf“, sagt Zwanziger. Zwei Jahre lang wird der DFB jetzt von zwei Präsidenten geführt: von Gerhard Mayer-Vorfelder, der mit sieben Gegenstimmen und drei Enthaltungen in seinem Amt bestätigt wird, und vom neuen Geschäftsführenden Präsidenten Theo Zwanziger, der mit zwei Gegenstimmen und drei Enthaltungen gewählt wird.

Als Zwanziger die Wahl angenommen hat, schiebt er einen Fotografen zur Seite, geht an den Rand der Stadthalle zu seiner Frau und umarmt sie. Dann begibt er sich auf das Podium des Präsidiums, umarmt erst Ehrenpräsident Egidius Braun, seinen Förderer im Verband, dann Mayer-Vorfelder, Generalsekretär Horst R. Schmidt und schließlich noch einmal Braun. „Ich bin zufrieden“, sagt Zwanziger. „Das merken Sie doch.“

Der exzessive Austausch von Zärtlichkeiten ist auch ein Signal an die Außenwelt, dass wieder Frieden eingekehrt ist in der großen Fußballfamilie. Nur Mayer-Vorfelder erinnert in seiner Rede noch einmal kurz an die Querelen des Sommers. Als er noch bei der Europameisterschaft in Portugal seinen Verband repräsentieren musste, planten die Landesverbände in Barsinghausen seinen Sturz. „Das hat mir wehgetan“, sagt er. Aber die alten Geschichten sollen die neue Harmonie nicht mehr belasten. „Ich stehe aus tiefster Überzeugung hinter dieser Doppelspitze“, sagt der Präsident. Zwanziger steht nach Mayer-Vorfelders Rede auf, geht zu ihm, umarmt ihn – natürlich – und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.

Viele haben nicht glauben wollen, dass der Machtmensch Mayer-Vorfelder mehr oder weniger freiwillig einen Teil seiner Macht abgibt. „Ich fühle mich nicht als Dame ohne Unterleib“, sagt er. Das, was er an Zwanziger verliert, die Basispflege, hat ihn ohnehin nie besonders interessiert. Oder andersherum: Das, was er schon immer mit Vorliebe gemacht hat, darf er auch weiterhin machen: die internationalen Kontakte pflegen, den DFB repräsentieren, der Nationalmannschaft vorstehen und sich um die Talentförderung kümmern. „Damit bin ich mehr als ausgelastet“, sagt Mayer-Vorfelder. Die Weltmeisterschaft in knapp zwei Jahren soll der End- und Höhepunkt seiner Funktionärslaufbahn sein, beim nächsten Bundestag, 2006 in Mainz, wird er nicht wieder für das Amt des Präsidenten kandidieren. Das hat er in Osnabrück noch einmal bestätigt.

Die Zusammenarbeit mit Zwanziger wird zumindest so lange funktionieren, wie sich ihre Kompetenzen nicht überschneiden. „Die Aufgabenverteilung ist im Grunde abgesteckt“, sagt Zwanziger. Detaillierte Verhaltensmaßregeln werden sich dann aus der praktischen Zusammenarbeit ergeben. Mayer-Vorfelder sagt, „dass wir uns in den Sachfragen gut verstehen“. Trotzdem kennt Zwanziger die Gefahr, dass jede kleine Meinungsverschiedenheit zum Führungsstreit aufgeblasen wird. „Sie werden nie einen Kommentar von mir bekommen zu dem, was MV gesagt hat, selbst wenn ich anderer Meinung bin“, sagt er den Journalisten.

Noch gilt Zwanziger als Präsident der Amateure, Mayer-Vorfelder als Präsident der Profis. Doch eine derartige Aufgabentrennung lehnt zumindest Zwanziger ab. Es ist ein gutes Zeichen für ihn, dass Werner Hackmann, der Präsident der DFL, vor den Delegierten verkündet, „dass die Liga inhaltlich voll hinter der Doppelspitze steht“. Wie zur Bestätigung hat sie kurz vor der Sitzung ihren Antrag zurückgezogen, dass nur der DFB-Präsident und der Ligapräsident für die Nationalmannschaft zuständig seien. „Ich habe mich darüber gefreut“, sagt Zwanziger, der nun – gemeinsam mit Horst R. Schmidt – ebenfalls dem Gremium angehört. Nach all den Streitigkeiten zwischen Profis und Amateuren darf man dieses Zugeständnis an Theo Zwanziger durchaus als Friedensangebot verstehen.

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