Sport : Die Ohnmacht des Rationalen

Hertha BSC verliert im Pokal in Dortmund, weil die Mannschaft sich zu sehr auf ihren Kopf verlässt

Sven Goldmann[Dortm]

Es war kurz vor neun, als es langsam kalt wurde im Westfalenstadion und das Spiel in seine heiße Phase ging. In der kurzen Pause vor der Verlängerung baute sich Lucien Favre an der Seitenlinie auf. Der Trainer von Hertha BSC hielt eine Plastiktafel in der Hand und diktierte seinen Spielern mit knappen Gesten und Worten, was zu tun war in den finalen 30 Minuten. Ein paar Meter weiter hatte Favres Dortmunder Kollege Jürgen Klopp sein Personal um sich geschart. Er brüllte so laut und leidenschaftlich, dass man es eigentlich bis auf die Tribüne hätte hören müssen. Klopp ruderte mit beiden Armen, und als ihm die Haare wirr über seine Brille fielen, fegte er sie unwirsch zur Seite und brüllte einfach weiter.

Favres Vortrag richtete sich an den Kopf, der von Klopp ans Herz, und genau so spielten ihre Mannschaften auch. Hertha war besser, „fußballerisch sehr hoch veranlagt“, wie Klopp sagte, aber äußerliche Brillanz allein gewinnt keine Fußballspiele. Erst recht nicht im Pokal, dessen K.-o.-Charakter aus Sekundärtugenden Primärtugenden macht. „Unser Ziel war es nicht, mehr Doppelpässe als der Gegner zu spielen, sondern aus diesem Spiel ein Kampfspiel zu machen“, sagte Jürgen Klopp. „Wir wollten das Ding gewinnen!“ Es war dieses Wollen, die unbedingte Leidenschaft, die Borussia zu einem 2:1-Sieg und damit in die dritte Runde des DFB-Pokals trug. Diego Klimowicz schmucklose Grätsche zum Siegtor stand für die bescheidenen ästhetischen Ansprüche der Dortmunder. Aber auch für Berliner Unbedarftheit, in Gestalt des unbeteiligt zuschauenden Verteidigers Kaka, der schon den Elfmeter zum ersten Dortmunder Tor verschuldet hatte.

Arne Friedrich wunderte sich später, wie wenig seine Mannschaft aus der optischen Überlegenheit gemacht hatte. „Hinten waren die Dortmunder doch vogelwild“, sagte Herthas Kapitän. Und die Leidenschaft? „Nein, daran hat es nicht gelegen, wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen und haben viel investiert.“ Vielleicht ist es das Problem der Berliner, dass man ihnen diese absolute Hingabe nur bedingt ansieht. Dass man oft den Eindruck hat, sie wollten aus dem Kampfspiel Fußball eine Art Denksport machen, bei dem ihrer Logik nach der Bessere siegen muss.

Lucien Favre verzweifelte am Mittwochabend in Dortmund an der Macht des Rationalen. „Wir können das nicht mehr aufholen“, sinnierte der Schweizer, der schwer getroffen war von einer Niederlage, „die nur sehr, sehr schwer zu akzeptieren ist, denn spielerisch waren wir besser“. Herthas Körpersprache erinnerte an die kühle Brillanz, an die scheinbare Gleichgültigkeit, mit der früher der FC Bayern München sein Spiel aufzog. Doch Macht, Selbstbewusstsein und optische Arroganz zeitigen Erfolge nur im Falle individueller und kollektiver Klasse. Die Bayern hätten eine kriselnde Mannschaft wie die der Dortmunder mühelos an die Wand gespielt. Dieses Niveau hat Hertha nicht.

Symbolisch für den Unterschied zwischen der Dortmunder und der Berliner Philosophie steht der Stil zweier prägender Figuren. Herthas Stürmer Andrej Woronin hätte dem Spiel schon in der ersten Halbzeit eine entscheidende Wendung geben können, als er allein vor dem Dortmunder Tor auftauchte. Der Ukrainer zog der Zweckmäßigkeit die Schönheit vor und schnippte den Ball elegant an die Latte des Tores. Alexander Frei hätte ihn wahrscheinlich mit aller Kraft gebolzt, die sein lädiertes Knie zulässt. So wie er das beim Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:0 getan hatte.

Der Dortmunder Stürmer, gerade erst von einer schweren Verletzung genesen, schleppte sich 120 Minuten lang über den Platz, dass sein Trainer schon ein schlechtes Gewissen hatte, „denn eigentlich ist er noch nicht so weit“. Woronin, wie Frei eher robust denn filigran veranlagt, versuchte sich weiter im anspruchsvollen Spiel und machte dabei so viele technische Fehler, dass sein Trainer irgendwann die Geduld verlor. Um kurz vor neun, als es langsam kalt wurde im Westfalenstadion und das Spiel in seine heiße Phase ging, saß Woronin auf der Ersatzbank.

0 Kommentare

Neuester Kommentar