Sport : Die Ordnung der Dinge

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Von Stefan Hermanns

Miyazaki. Im Grunde ist Thomas Linke ein Opfer frühkindlicher Prägung. Irgendwann Mitte der Siebziger wird es passiert sein, vielleicht auf einem Bolzplatz in Sömmerda oder beim Training der Betriebssportgemeinschaft Robotron. „Man bleibt halt auf der Position, die man sich als kleiner Junge ausgesucht hat“, sagt Linke. „Die Stars spielen vorne. Die Stilleren müssen hinten bleiben – und versuchen, die Stars abzumelden.“ Thomas Linke, inzwischen 32 Jahre alt, scheint ein verdammt stiller Junge gewesen sein.

Noch heute ist es seine Aufgabe, die Stars abzumelden, und in dieser Disziplin hat er es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Wenn für die deutsche Nationalmannschaft am Samstag gegen Saudi-Arabien die Weltmeisterschaft beginnt, wird Thomas Linke auf jeden Fall in der Startelf stehen. Das ist meistens so. Seit seinem Länderspiel-Debüt im November 1997 gegen Südafrika, hat er es auf 34 Einsätze im Nationaltrikot gebracht. Er spielt und spielt und spielt. Und trotzdem ist Linke für die „Financial Times Deutschland“ der Nationalspieler, „der am krassesten unterschätzt wird".

Dass es auch weit schlimmer kommen kann, hat Linke im Sommer vor zwei Jahren erfahren. Wenn man am Abend des 20. Juni 2000 eine Umfrage gemacht hätte ( Welcher Spieler darf nie wieder zur Nationalmannschaft eingeladen werden?), hätte sich die Quote bei Linke nahe 100 Prozent bewegt. An diesem Abend hatte eine traurige Elf die Illusion zerstört, dass die Deutschen ein gottgegebenes Recht auf ein erfolgreiches Abschneiden ihrer Nationalmannschaft haben. Und die traurigste aller traurigen Figuren war Thomas Linke gewesen. Sein Gegenspieler Conceicao hatte bei Portugals 3:0-Sieg gegen die Deutschen alle drei Tore geschossen. „Die Niederlage wurde an mir festgemacht“, sagt Linke, andererseits „könnte ich sagen, dass ich durch das Portugal-Spiel bekannt geworden bin".

„Bad news are good news“, heißt es in Lehrbüchern für Journalistenschüler: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Thomas Linke ist das beste Beispiel dafür. Wen interessiert schon, dass er Stammspieler bei einer der besten Mannschaften Europas ist, dass er mit Bayern München dreimal Meister war, Pokalsieger, die Champions League gewonnen hat, den Weltpokal und 1997 mit Schalke den Uefa-Cup? Linke taucht nur auf, wenn er an seiner Aufgabe scheitert. Zuletzt im September vorigen Jahres: Da hatten die Deutschen 1:5 gegen England verloren, und am nächsten Werktag konnte Linke seinen n überall in den Zeitungen finden.

Im Moment erklingt immer öfter die Klage, dass die Nation, die neben dem Automobil, der Pizza Hawaii und dem Grünen Punkt auch den Vorstopper erfunden hat, über keine rechten Abwehrrecken mehr verfüge. Und was ist mit Linke? Im Grunde ist er der letzte Vertreter einer langen Reihe, die im vorigen Jahrtausend bei Hans-Georg Schwarzenbeck begonnen hat, von Karlheinz Förster weitergeführt wurde und in Jürgen Kohler ihre letzte Bestimmung gefunden hat.

Thomas Linke aber wird einmal für eine Übergangszeit stehen, in der der gute, alte Manndecker deutscher Prägung von multifunktionalen Verteidigern abgelöst wurden, für die die Eroberung des Balles kein Selbstzweck ist, sondern den Anfang eigener Angriffsbemühungen darstellt. Als Vertreter der neuen Lehre im deutschen Kader gilt nicht Linke, sondern der 21 Jahre alte Christoph Metzelder.

Für den Dortmunder muss Linke wohl im Auftaktspiel am Sonnabend gegen Saudi-Arabien seinen gewohnten Platz auf der linken Seite räumen und stattdessen in der Dreierkette rechts spielen. Das ist Thomas Linke „vollkommen egal. Wichtig ist, dass die Ordnung stimmt. Dann kann man auf jeder Position spielen".

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