Sport : Die paradiesischen Zeiten sind vorbei

DIETMAR WENCK

Eine positive Hälfte ist zu wenig beim negativen Erlebnis Alba Berlins in BarcelonaVON DIETMAR WENCK Barcelona.Exakt 17:29 Minuten waren noch zu spielen im Palau Blaugrana, der Heimstatt der Basketballer vom FC Barcelona, als das Publikum ganz unvermittelt anfing, Sascha Obradovic zu feiern.Der Spielmacher Alba Berlins hatte soeben einen Freiwurf verwandelt und damit seinen ersten Punkt in diesem kuriosen Europaligaspiel erzielt.Natürlich habe er den Zynismus registriert, "das tat sehr weh", bekannte Obradovic später.Eine Minute darauf erfuhr auch sein Mannschaftskollege Wendell Alexis freundlichen Applaus für seinen ersten Treffer.Hohn und Spott über die Gäste aus Berlin, die in dieser Phase mit 14:40 zurücklagen und so tief unten waren, wie man es in einem solchen Spiel sein kann.In der ersten Hälfte waren ihrer Stammformation Obradovic, Alexis, Henrik Rödl, Henning Harnisch und Sascha Hupmann schlappe drei Punkte gelungen."Eviva España" dröhnte es durch die Halle. Und doch kam der Abgesang etwas zu früh.Als Trainer Svetislav Pesic bis auf Alexander Frisch seine zweite Formation aufs Feld schickte, tat sich Erstaunliches.Punkt um Punkt schlich sich Alba heran, wobei besonders Teoman Öztürk (17 Punkte) eine großartige Leistung zeigte, aber auch Marko Pesic, Stephen Arigbabu und Jörg Lütcke weit mehr überzeugten als ihre Vorgänger."Die zweite Halbzeit war das Positive an diesem negativen Erlebnis heute", sagte Manager Marco Baldi nach dem Spiel, "und Teoman Öztürk hat den Charakter gezeigt, den man in einer solchen Situation braucht." Die Spanier, die soeben noch ihre Gäste ausgelacht hatten, waren drauf und dran, selbst zur Lachnummer der Europaliga zu werden.Denn sie hatten bei einer 26-Punkte-Führung offenbar beschlossen, daß der Gegner nun besiegt sei und die Zügel leichtfertig schleifen lassen.Doch der spielte nicht mit und kam bis auf vier Zähler (62:66) heran."Ich bin sehr ärgerlich mit meiner Mannschaft", schimpfte Barcelonas Trainer Aito Reneses.In vierzehn Minuten 22 Punkte eingebüßt - hätte er nicht einen Aleksandar "Sascha" Djordjevic gehabt, der in dieser "Noche de los Sashas" ("El Mundo Deportivo"), in dieser Nacht der Saschas, sein Gegenüber Obradovic als Denker und Lenker weit überragte, vielleicht wäre die "historische Steigerung" ("Marca") Albas noch belohnt worden.Doch so rettete der katalanische Renommierklub den 72:62 (33:12)-Erfolg über die Zeit.Alba Berlin blieb nur der traurige Rekord, in einer Hälfte nicht mehr als zwölf Punkte erzielt zu haben.Das Thema Europaliga war damit beendet. Henning Harnisch, der anders als Obradovic und Alexis nicht in den Genuß eines Sonderbeifalls kam, weil er nicht einen einzigen Punkt erzielte, wollte zum Spiel überhaupt keinen Kommentar abgeben.Abhaken, nach vorn schauen - alte Sportler-Weisheit: "Gut, daß wir ein paar Tage Ruhe haben.Wir müssen jetzt in die richtige Stimmung für die Play-offs um die Deutsche Meisterschaft kommen." Die erste Viertelfinalpartie gegen Braunschweig findet Freitag in einer Woche in der Schmeling-Halle statt."Wir wollen jetzt die positiven Seiten sehen", sagte Henrik Rödl, "wir haben eine gute zweite Halbzeit gespielt, unsere Verteidigung war gut." Die Mannschaft zieht sich für einige Tage in ein Trainingslager zurück.Der Abstand, räumlich, zeitlich, innerlich, tut vielleicht gut: Vier Spiele am Stück verloren, die Krise muß nicht herbeigeredet werden, sie ist spürbar.Wie im Vorjahr, nur ein paar Wochen später, steckt das Team in einer Talsohle.Seinerzeit ging die Mannschaft durch ein Tal der Tränen: In Villeurbanne aus dem Korac-Cup ausgeschieden, im DBB-Pokal in eigener Halle gegen Leverkusen gescheitert, in der Bundesliga eine Serie von Niederlagen hingelegt, gegen Außenseiter Gießen erst nach sieben Spielen ins Halbfinale gekommen. Wie immer wird die Kritik intern geübt, nach außen hin gibt man sich zurückhaltend, was guter Stil dieses Klubs seit Jahren ist."Daß ich mehr erwarte von unseren Leistungsträgern, ist selbstverständlich", immerhin soviel gab Pesic preis, "aber wir werden jetzt nicht meckern, nicht Vorwürfe machen, keine Schuldigen suchen." Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.Er werde nun nicht alles verändern, sagte der Trainer, "80 Prozent unserer Spiele in dieser Saison waren sehr gut, wenn wir jetzt alles verändern, verlieren wir unser Konzept." Niederlagen passen zwar nicht ins Konzept, aber sie gehören dazu, denn, das hat der Trainer festgestellt: "Sechs Monate haben wir im Paradies gelebt."

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