Sport : Die Pflicht zur Kür

Die deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften sind ein wichtiger Formtest für den Kampf um die Qualifikation für Olympia

Frank Bachner[Oberstdorf]

Mikkeline Kierkgaard und Norman Jeschke haben Silvester in Dänemark gefeiert. Dort hatten sie viel Ruhe. Training, Wettkampfvorbereitung, alles kein Thema für das Eiskunstlauf-Paar aus Berlin. Mikkeline Kierkgaard hat im Herbst eine Quecksilbervergiftung erlitten, sie hat derzeit keine Kraft fürs Training. Also hat das Paar Kierkgaard/Jeschke bis Mitte Januar Zwangspause. Für die Deutsche Eislauf-Union (DEU) ist das ein ziemlicher Schlag, aus zwei Gründen. Erstens fällt so bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften, die heute in Oberstdorf beginnen, ein reizvolles Duell aus. Jeschke/Kierkgaard aus Berlin gegen Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy aus Chemnitz. Von der Ukrainerin und ihrem Partner Szolkowy erwarten die Fachleute viel, Sawtschenko war schließlich Junioren-Weltmeisterin. Sie gelten als neue Hoffnungsträger im deutschen Eiskunstlauf.

Vor allem aber haben die beiden eine Mission zu erfüllen. Die Mission Olympia-Qualifikation. Im März finden in Moskau die Weltmeisterschaften statt, dort wird entschieden, wie viele Plätze die Deutschen bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin in den einzelnen Disziplinen bekommen. Erreicht die DEU in einer Disziplin zwei Plätze unter den ersten zwölf, hat sie bei Olympia zwei Startplätze. Und im Paarlauf sollten diese Platzierungen Sawtschenko/Szolkowy erreichen – und Kierkgaard/Jeschke. Die Dänin Kierkgaard ist seit Herbst bei internationalen Meisterschaften für Deutschland startberechtigt, die Ukrainerin Sawtschenko ebenfalls. Nur bei Olympia ist Sawtschenkos Starterlaubnis noch unklar. Der Ausfall eines Spitzenpaars für Moskau ist der zweite Grund für die kleine Ernüchterung beim Verband. „Wegen der Olympiaqualifikation in Moskau ist die deutsche Meisterschaft als Generalprobe so wichtig“, sagt Udo Dönsdorf, der Sportdirektor der DEU.

Beim Grand Prix in Moskau haben Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy immerhin den dritten Platz belegt. „Das lässt uns hoffen“, sagt Dönsdorf. Er muss jetzt auch noch auf die zweimaligen Deutschen Meister Eva-Maria Fitze/Rico Rex hoffen. Die sind allerdings im Moment noch nicht in Bestform. Aber die DEU hat mehrere Hoffnungsträger für Moskau. Und sie alle nehmen Oberstdorf als großen Formtest. Schließlich ist in zwei Wochen auch noch die Europameisterschaft. Noch ein WM-Test.

Einer der weiteren Hoffnungsträger ist Stefan Lindemann, der Sensations-Dritte der WM 2004. Der Erfurter hat den vierfachen Toeloop stabilisiert, er steigerte sich nach einem missglückten Saisonbeginn von Grand Prix zu Grand Prix. „In Turin bei der EM sollte er schon in die Medaillenränge laufen“, sagt Dönsdorf. Und in Moskau wäre Platz acht für den DEU-Sportdirektor auch zufriedenstellend. Offiziell jedenfalls. Interessant bei den Herren ist auch, wer hinter Lindemann nach vorn drängt. Die Brüder Peter und Martin Liebers aus Berlin haben sich enorm gesteigert, vor allem Peter Liebers hat bei einem Junioren-Grand-Prix in Chemnitz eine gute Leistung gezeigt. Die Brüder Liebers könnten dem nervenschwachen zweimaligen Deutschen Meister Silvio Smalun gefährlich werden.

Auch beim Eistanz geht es weniger um die Frage, wer Meister wird, als vielmehr, wie strahlend sich die Favoriten präsentieren. Christina und William Beier standen 2004 noch im Schatten von Kati Winkler/René Lohse, doch die Weltmeisterschaftsdritten sind zurückgetreten. Bei den Frauen darf Annette Dytrt Oberstdorf als Test für die Weltmeisterschaft betrachten. Nur sie hat Chancen, in Moskau unter die besten zwölf zu kommen. Sie trainierte im Sommer in den USA bei der Star-Betreuerin Tatjana Tarassowa, und bei den Wettbewerben in Paris und Moskau überzeugte sie. „Dort war ich eine ganz andere Läuferin als 2003“, hatte sie erklärt.

Mikkeline Kierkgaard und Norman Jeschke verfolgen die Meisterschaften am Fernseher. Ihr Ziel bleibt Olympia 2006. Deshalb wünschen sie ihren Gegnern für Oberstdorf und für Moskau alles Gute. Die anderen sollen die Startplätze für Olympia sichern. Wer dann 2006 für Deutschland startet, zeigt sich bei den deutschen Meisterschaften 2006. „Die anderen“, sagt Jeschke, „arbeiten für uns.“

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