Sport : Die Phonetik des Fränkischen

Regisseur Thomas Schadt über seine Liebe zum 1. FC Nürnberg

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FAN IN DER FREMDE

In Berlin gibt es nicht nur Hertha-Fans. Zu jedem Heimspiel stellen wir einen Anhänger des Gegners vor. Heute: Thomas Schadt, 45. Der Filmregisseur ist Fan des 1. FC Nürnberg.

Wer ist da bitte? Der Tagesspiegel? Es tut mir leid, aber ich verstehe Sie sehr schlecht. Ich bin auf der Autobahn und … Wie bitte? Es geht um den 1. FC Nürnberg? Moment, warten Sie! Da vorn kommt ein Parkplatz.

So, jetzt ist es besser. Es kommt ja nicht oft vor, dass sich jemand in Berlin für den 1. FC Nürnberg interessiert. Für den „Club“, so nennen wir unseren Verein, nehme ich mir gern Zeit. Ich bin vor 22 Jahren nach Berlin gezogen. Ich habe damals einen Studienplatz an der Filmhochschule bekommen und bin in der Stadt hängen geblieben. Meinen Treueschwur zum 1. FC Nürnberg habe ich 1986 abgegeben: Da bin ich in den Verein eingetreten – von alleine, und nicht etwa, weil mich der Club als prominentes Mitglied haben wollte. Ich bin verärgert gewesen: ständig diese Geldprobleme, ständig Auf- und Abstiege. Ich sagte mir: Wenn ich 30 Jahre Mitglied im Verein bin, dann werde ich meinen Finger erheben und den Leuten im Club-Vorstand mal so richtig die Meinung sagen. Mein Wort wird Gewicht haben. Sie glauben nicht, wie ich mich auf diesen Tag freue!

Wissen Sie eigentlich, wie man Club-Fan wird? Nein? Sehen Sie – ich auch nicht. Wir haben jetzt einen Teppichhändler als Präsidenten. Besser ist das alles trotzdem nicht geworden. Trainer Klaus Augenthaler dagegen, der passt nach Nürnberg. Er ist aufrichtig, geradeaus. Aber dass er die 40 Punkte für den Klassenerhalt schafft, das bezweifle ich.

Doch der Fußball ist es nicht, der mich so an den Club bindet. Ich stehe gern im Nürnberger Fanblock. Wegen der Emotionen, der Dramatik, der Leidensfähigkeit all der Menschen. Und wegen des Dialekts. Viele empfinden die Phonetik des Fränkischen als unangenehm. Für mich bedeutet sie: Heimat.

Aufgezeichnet von Andre Görke.

Thomas Schadt wurde für seine Reportage „Der Autobahnkrieg" 1993 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seine Dokumentation „Der Kandidat" über Schröders Bundestagswahlkampf brachte ihm 1998 den Deutschen Fernsehpreis ein. Im Frühjahr kam seine Neuverfilmung des Stummfilmklassikers „Berlin. Sinfonie einer Großstadt" in die Kinos.

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