Sport : Die plausible Niederlage

Die Bayern sind nicht einmal überrascht, dass sie in Wolfsburg verloren haben

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Wolfsburg - Uli Hoeneß, der Manager, sagte nichts, Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef, sagte nichts. Gut, dass die Bayern für solche Fälle noch Oliver Kahn haben. Kahn ist beim Deutschen Meister eigentlich als Torhüter angestellt, doch der 37-Jährige hat immer mehr Gefallen an seiner Rolle als Elder Statesman gefunden, der lobt, wenn es etwas zu loben gibt, aber noch viel lieber warnt, wenn es mal nicht besonders gut läuft. Der Torhüter der Bayern wird immer dann zu einer Art Regierungssprecher, wenn die anderen Großkopferten des Vereins lieber schweigen, so wie am Samstag nach der 0:1-Niederlage beim VfL Wolfsburg. „Wir wollen eine ganz große Mannschaft werden – dann müssen wir solche Spiele gewinnen. Das ist das Schwerste, was es gibt“, sagte Kahn. „Da müssen wir uns noch mehr zusammenreißen. Wir müssen wissen, dass der FC Bayern überall, wo er auftritt, 120 Prozent geben muss.“

In Wolfsburg, beim bisherigen Tabellenletzten, haben sie das nicht getan, und dass die Bayern mit leeren Händen von der Dienstfahrt zurückkehren könnten, deutete sich spätestens nach einer Stunde an, als Phillip Lahm gänzlich ohne Not einen harmlosen Ball über die Auslinie hoppeln ließ. Dabei gibt es in der Fußball-Bundesliga kaum einen Akteur mit größerer Ballsicherheit als Lahm, die sogenannten Stockfehler sind dem Nationalspieler gänzlich fremd. Doch wie der Rest seines Teams war auch der 22-Jährige an diesem Nachmittag nicht auf der Höhe.

Den Wolfsburgern genügte zum zweiten Sieg gegen die Bayern überhaupt eine kompakte Abwehrleistung und ein lichter Moment in der Offensive, den Mike Hanke in der 36. Minute zum Tor des Tages nutzte. Wunderdinge mussten die Niedersachsen nicht vollbringen, um sich gegen einen uninspirierten Widersacher durchzusetzen, der sich nach dem Champions-League-Triumph bei Inter Mailand sichtlich schwer tat, sich für den schnöden Bundesligaalltag aufzuraffen.

Es gehört zur Faszination der Bundesliga, dass sie es in einer dramaturgischen Laune dem Letzten von Zeit zu Zeit ermöglicht, über den Ersten zu triumphieren. Doch selten war ein solcher Sieg so plausibel zu erklären wie an diesem Nachmittag. „Es war von vorneherein klar, dass es eine schwierige Partie wird“, sagte Bayerns Trainer Felix Magath und fügte hinzu: „Anders als in Mailand.“

Warum es offensichtlich leichter ist, beim großen europäischen Schaulaufen mit dem Italienischen Meister Inter zu glänzen als in der norddeutschen Provinz, ist ein Phänomen, nach dem die Profis gerne in den eigenen mentalen Tiefen forschen. Seinen Mitspielern habe „die geistige Frische gefehlt“, sagte Torhüter Oliver Kahn. „Wir haben zwar auf ein Tor gespielt, aber nicht mit der nötigen Konzentration.“ Die geistige Unpässlichkeit wurde im Lager der Erfolgsverwöhnten mit augenscheinlicher Gelassenheit hingenommen. Kahn, dessen Auftritte nach Niederlagen gerne mit dem Ausbruch eines Vulkans verglichen werden, dozierte mit staatsmännischer Contenance.

Zwei Auswärtsniederlagen hintereinander, erst in Bielefeld, dann in Wolfsburg – und doch schien es, als sei die Welt in München immer noch in Ordnung, weil die wahrhaft wichtige Aufgabe dieser Woche mit dem Sieg in Mailand bewältigt worden ist. Wahrscheinlich war genau das das Problem der Bayern. Oliver Kahn sagte: „Nach dem Spiel in Mailand hat der eine oder andere schon wieder geglaubt, er sei ein ganz, ganz Großer.“ So weit aber ist es offensichtlich noch nicht. fex

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