Die Pokalfinalisten : Bremen gegen Bayern: Ein Rückblick auf große Duelle

Einwürfe ins Tor, verschwundene Bälle und Elfmeter in den Abendhimmel: Bremen gegen Bayern – diese Rivalität hat schon viel erlebt. Eine Rückschau auf die größten Duelle.

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Legendär: Kutzop trifft bei seinem Elfmeter im April 1986 nur den Pfosten. Bayern wird am Ende Meister.
Legendär: Kutzop trifft bei seinem Elfmeter im April 1986 nur den Pfosten. Bayern wird am Ende Meister.Foto: dpa

21.8.1982, Werder – Bayern 1:0: Reinders’ Einwurf
Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre hat der FC Bayern München ein Torwartproblem. Genauer gesagt seit dem 14. Juli 1979, als sich Sepp Maier bei einem Autounfall so schwer verletzte, dass er seine Karriere beenden musste. Manfred Müller und Walter Junghans sind kaum mehr aus Notlösungen, und so entschließt sich Manager Uli Hoeneß zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er reserviert einen Platz des damals auf zwei Spieler limitierten Ausländerkontingents für einen Torhüter, den belgischen Nationalspieler Jean-Marie Pfaff.

Zum Bundesligaauftakt geht es nach Bremen, und das Spiel geht Pfaff zunächst gut von der Hand. Den Bremern fällt nicht viel ein gegen die von Klaus Augenthaler organisierte Abwehr. Es ist heiß im Weserstadion und die Spieler freuen sich schon auf die Halbzeitpause, da gibt es auf dem linken Flügel noch einen Einwurf für die Bremer.

Dafür hat Werder einen Spezialisten: Uwe Reinders, den langen Stürmer, dessen Einwürfe wie Flanken in den Strafraum segeln. Das weiß so ziemlich jeder in der Bundesliga, nur nicht Jean-Marie, denn der ist ja gerade erst aus Lierse nach München gekommen. Pfaff konzentriert sich auf seine nähere Umgebung und schaut nicht so sehr zur Seitenlinie. Er registriert nur beiläufig, wie Reinders lang anläuft, seinen Oberkörper weit zurück biegt und dann nach vorn schnellen lässt. In hohem Bogen fliegt der Ball in Richtung Münchner Tor, Pfaff wundert sich über die hektische Betriebsamkeit um sich herum. Zu spät entscheidet er sich zum Eingreifen – oder zu früh?

Pfaff macht zwei, drei halbherzige Schritte nach vorn, aber sein Kollege Augenthaler und Werders Verteidiger Norbert Siegmann versperren ihm die Sicht. Pfaff springt hoch, mit den Fingerspitzen touchiert er den Ball, er stupst ihn ein wenig nach oben und gibt ihm damit neues Tempo. Vergeblich dreht sich Pfaff um die eigene Achse, Bayerns Verteidiger Wolfgang Grobe versucht, das Unheil noch abzuwenden, aber sein Spreizschritt kommt zu spät. Der Ball ist im Tor, Werder gewinnt 1:0, und der Schütze des Siegtreffers steht im Münchner Tor. Hätte Pfaff den Ball nicht berührt, wäre das Spiel mit einem Abstoß fortgesetzt worden.

23.11.1985, Bayern – Bremen 3:1: Augenthalers Tritt
Die Hinrunde klingt aus, zwei Spiele sind noch zu absolvieren, und es sieht schlecht aus für die erfolgsverwöhnten Bayern. Werder führt die Tabelle mit drei Punkten Vorsprung an, das ist viel in Zeiten, als es noch nicht drei Punkte für einen Sieg gab. Wenn denn die Münchner ihre Titelchance wahren wollen, muss unbedingt ein Sieg her gegen Werder.

Alles beginnt wie gewünscht, mit einem früheren Führungstor von Norbert Nachtweih. Die Bremer aber spielen unbeeindruckt weiter, sie wissen, dass sie immer für ein Tor gut sind, dafür garantiert der beste deutsche Stürmer. Eine knappe halbe Stunde ist gespielt, da macht sich dieser Rudi Völler auf den Weg zum Ausgleich, 40 Meter sind es noch zum Tor, da rauscht von der Seite Augenthaler heran. Bayerns Abwehrchef kommt viel zu spät, er kann den Ball nicht mehr treffen, aber für Völlers Bein langt es noch. Der Bremer fliegt hoch durch die Luft und schlägt schwer auf, er wälzt sich auf dem Rasen und schlägt die Hände vors Gesicht. Es geht nicht mehr.

Heute wäre es ein klarer Fall von Notbremse, aber diesen Tatbestand gibt es 1985 noch nicht. Schiedsrichter Theobald belässt es bei einer Verwarnung für Augenthaler, der pflicht- aber keineswegs schuldbewusst die Arme hebt. Völler muss raus, Werders heutiger Trainer Thomas Schaaf trifft kurz vor der Pause zum Ausgleich, aber das weiß kaum noch jemand, genauso wenig, dass Dieter Hoeneß nach der Pause noch zwei Tore für die Bayern schießt.

Das Augenthaler-Foul vergiftet auf Jahre die Atmosphäre zwischen Bremern und Bayern. Während auf der einen Seite Manager Willi Lemke und Trainer Otto Rehhagel den Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllt sehen, sprechen die Bayern von einem „normalen Foul“ (Manager Uli Hoeneß) und Trainer Udo Lattek vergreift sich zu der Behauptung, Völler sei selbst Schuld, weil er einfach zu schnell sei und ein Abwehrspieler deswegen schon mal sein Bein treffen könne.
Völler muss sich einer beidseitigen Leistenoperation unterziehen, er fällt fünf Monate aus und kommt erst am vorletzten Bundesligaspieltag zum Einsatz.


22.4.1986, Bremen – Bayern 0:0: Kutzops Fehlschuss
An diesem vorletzten Spieltag geht es im Rückspiel gegen die Bayern, und im Falle eines Sieges sind die Bremer vorzeitig Deutscher Meister. Völler hat gut trainiert, aber Trainer Rehhagel mag seinen Einsatz nicht wagen und setzt ihn erst einmal auf die Ersatzbank. Es ist wegen der Dramatik in den Schlussminuten später ein wenig untergegangen, dass die Bayern an diesem Tag die klar bessere Mannschaft sind, sie erspielen sich Chance um Chance gegen die nervösen Bremer, aber ein Tor will nicht fallen.

Als Rehhagel eine Viertelstunde vor Schluss Völler das Zeichen zum Warmmachen gibt, belagern Fotografen und Kameraleute so intensiv die Bremer Bank, dass der neue Stürmer kaum den Trainingsanzug abstreifen kann. Ohrenbetäubender Jubel begleitet ihn bei seinem Weg auf den Rasen. Völler hat Mühe, sich an das Tempo zu gewöhnen, die ersten Bälle rauschen an ihm vorbei, aber kurz vor Schluss hat er seinen großen Auftritt. Bayerns Däne Sören Lerby ist am eigenen Strafraum einen Tick zu lässig, er merkt nicht, wie Völler von hinten kommt, seinen Körper dazwischen schiebt, und als er den Ball vors Tor heben will, schwingt Lerbys Arm in die Flugbahn. Schiedsrichter Roth entscheidet auf Elfmeter, was die Bayern nicht wahrhaben wollen. Sie belagern ihn und der Münchner Kotrainer Egon Coordes drischt den Ball auf die Tribüne. Weil die Zeit der zahlreich am Spielfeldrand postierten Bälle noch nicht gekommen ist, dauert es gut zwei Minuten, bis Ersatz besorgt ist. So lange muss Michael Kutzop warten, der sicherste Elfmeterschütze der Bundesliga, einer, dem eiserne Nerven nachgesagt werden. Als er endlich schießen kann, macht er das wie immer, mit leicht verzögertem Anlauf, Bayerns Torwart Jean-Marie Pfaff bleibt stehen und schaut machtlos hinterher – wie der Ball an den rechten Pfosten klatscht.

Zwei Minuten später ist Schluss, die Bremer liegen immer noch zwei Punkte vorn, aber sie ahnen schon, dass sie ihre Chance verspielt haben. Am letzten Spieltag verlieren sie 1:3 in Stuttgart, die Bayern siegen 6:0 gegen Mönchengladbach und sind mal wieder Meister. Michael Kutzop hat mal erzählt, dass er später immer wieder von dem Elfmeter geträumt hat. Und jedes Mal ist er reingegangen.

12.6.1999, Bremen – Bayern 5:4 i. E.: Rosts Triumph
Es hätte eine ganze große Saison werden können für die Bayern. Die erste, die mit dem Triple endet, mit den Siegen in Meisterschaft, Pokal und Champions League. Das Unternehmen Meisterschaft schließen sie so souverän wie lange nicht ab, mit 15 Punkten Vorsprung auf den, nun ja, Verfolger Leverkusen (auf Platz drei läuft übrigens ein Berliner Startup-Unternehmen namens Hertha BSC ein).

Auch das Champions-League-Finale in Barcelona gestaltet sich ganz nach Wunsch, mit einer 1:0-Führung bis in die Nachspielzeit hinein gegen Manchester United – nun ja, man weiß, wie die Sache ausgegangen ist. Entsprechend demotiviert und urlaubsreif kommen die Bayern nach Berlin zum Pokalfinale, es findet zwei Wochen nach dem letzten Bundesligaspieltag statt, weil noch ein EM-Qualifikationsspiel gegen Moldawien dazwischen geschoben werden muss.

Es ist ein dramatisches Spiel, aber eines ohne Klasse. Den Bayern fehlt die in der Bundesliga demonstrierte Souveränität, bei Werder ist nichts zu sehen von dem mitreißenden Angriffsfußball, für den diese Mannschaft einmal stand. Juri Maximow schießt die Bremer früh in Führung, Carsten Jancker gelingt beinahe mit dem Pausenpfiff der Ausgleich. In der zweite Hälfte und in der Verlängerung passiert nicht mehr viel, das Elfmeterschießen muss entscheiden.

Alles spricht für die Bayern, als Oliver Kahn schon gegen Werders zweiten Schützen Jens Todt das bessere Ende für sich hat. Mit dem letzten Elfmeter kann Stefan Effenberg alles klar machen, doch er drischt den Ball in die Wolken. Es folgt die große Minute des Frank Rost. Der Bremer Torhüter schreitet erst selbst zur erfolgreichen Exekution gegen Kahn, danach pariert er gegen Lothar Matthäus. Damit haben die Bremer den Pokal, es wird eine lange Nacht, in der es ihr und Manager Willi Lemke mal wieder kann es nicht lassen, gegen den alten Rivalen nachzutreten: „Wir haben den Bayern gezeigt, dass sie mit Geld nicht alles kaufen können“, sagt Lemke. „Der Käfer hat heute den Ferrari geschlagen.“ Sein Münchner Kollege Sein Münchner Kollege Uli Hoeneß erwidert, dass er darauf am besten gar nichts erwidern werde.

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