Sport : "Die Polizei hat zugeschaut"

Mathias Klappenbach

Berlin - Die Sätze sprudeln ungeordnet aus Adebowale Ogungbure heraus, die letzten Tage haben ihn noch mehr mitgenommen als die Zeit davor. „Ich habe seit Samstag kaum geschlafen, nichts gegessen. Ich verstehe nicht, was ich getan haben soll“, sagt der Fußballer vom FC Sachsen Leipzig erregt. Noch immer hat er mit den Ereignissen vom vergangenen Samstag zu kämpfen. „Ich bin als Affe und Bimbo beschimpft worden, wurde angespuckt wie ein Hund und geschlagen. Wieso will die Polizei etwas von mir?“

Der 24-jährige Nigerianer hatte sich auf ungewöhnliche Weise gewehrt, nachdem die rassistischen Ausfälle, deren Opfer er in den vergangenen Wochen auch in anderen Stadien geworden ist, beim Spiel der Oberliga Süd zwischen dem Halleschen FC und den Leipzigern eine neue Dimension erreicht hatten. Er wehrte sich, indem er zwei Finger über die Oberlippe legte und den Hitlergruß zeigte. Die Folge war eine Anzeige gegen Ogungbure, gegen den wegen des öffentlichen Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole ermittelt wurde. Gestern wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil laut Staatsanwaltschaft Halle „das Zeigen des Hitlergrußes nicht strafrelevant war. Ogungbure wurde provoziert, er identifiziert sich nicht mit den Zielen verfassungsfeindlicher Organisationen“.

Die offizielle Bestätigung, dass er selbst nicht rechtsradikal ist, wird für Ogungbure eher absurd daherkommen als ein Trost sein. Am grundsätzlichen Problem ändert sie nichts. „Ich habe inzwischen schon keine Schwierigkeiten mehr mit den üblichen Provokationen während des Spiels durch Fans oder auch mal gegnerische Spieler. Aber jetzt hat die Polizei auch nach dem Spiel zugeschaut, als ich angegriffen wurde“, sagt Ogungbure. Auch Rolf Heller, der Präsident des FC Sachsen, kritisierte die Polizei. „Das ist zu einfach“, sagt Polizeisprecher Siegfried Koch. „Wir können nicht bei jeder verbalen Entgleisung im Stadion eingreifen. Aber wenn es zu Gewalt oder anderen Straftaten kommt, sind wir da, und das waren wir auch in Halle.“

Nachdem dem Halleschen FC am Samstag in der Nachspielzeit der 2:2-Ausgleich geglückt war, hatten zunächst Leipziger und dann auch Hallenser Fans das Spielfeld gestürmt, Ogungbure wurde auf dem Weg in die Kabine bespuckt und geschlagen. „Da waren alle stark emotionalisiert, positiv wie negativ“, sagt Michael Schädlich, der Präsident des Halleschen FC. „Ich bedauere, dass so etwas passiert ist. Ogungbure wurde provoziert und hat mit seiner Reaktion für einen unrühmlichen Höhepunkt gesorgt. Typisch für Halle sind solche Szenen aber nicht, wir hatten hier schon schwarzafrikanische Spieler als Publikumslieblinge.“

Dass er für seinen Hitlergruß sogar hätte bestraft werden können, versteht Ogungbure nicht. Da diejenigen, die ihn sonst verhöhnen, ungestraft davonkommen, war er sich gar nicht bewusst, etwas Verbotenes zu tun. „Ich weiß nicht, warum ich das in dem Moment gemacht habe. Aber ich habe keine Angst und laufe nicht weg“, sagt Ogungbure. Er hat bereits in der Bundesliga für den 1. FC Nürnberg und in der Zweiten Liga für Energie Cottbus gespielt. „In dieser Form wie jetzt habe ich offenen Rassismus aber nur in der vierten Liga erlebt.“

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