Sport : Die Posaunen von Soweto

Ernst Middendorp, Trainer der Kaizer Chiefs, will in Südafrika bis zur WM 2010 die Stellung halten

Esther Kogelboom[Johannesburg]

Hitze ist für Ernst Middendorp kein Grund, sein Jackett abzulegen. Der Coach der Kaizer Chiefs sitzt unbeweglich auf der Trainerbank, ein Eisblock im dunkelblauen Anzug. Johannesburg, FNB-Stadion, vergangener Samstag. Für Middendorp und seine Mannschaft sieht es schlecht aus. Mitte der zweiten Halbzeit führen die Orlando Pirates immer noch 1:0. Es geht um alles: Die Chiefs müssen das Soweto-Derby gewinnen. Eine andere Option gibt es nicht. Wenn die beiden stärksten Teams der Liga gegeneinander antreten, geht es um die Ehre.

Der Druck, unter dem der Deutsche steht, ist gewaltig. Zehntausende Fans der deutlich überlegenden Pirates stehen bereits auf ihren Hartschalensitzen und jubeln, während die Chiefs-Anhänger entschlossen in ihre Vuvuzelas, die südafrikanischen Plastikttröten von den Ausmaßen eines durchschnittlichen Regenschirms, blasen. Es ist das letzte Spiel im ausverkauften FNB-Stadion, bevor es geschlossen und umgebaut wird. Hier soll am 11. Juli 2010 das Finale der Fußball-WM ausgetragen werden. Bis das neue Stadion fertig ist, werden die Spiele der Kaizer Chiefs im Cricket-Stadion in Pretoria stattfinden.

In Südafrika hat Ernst Middendorp, dessen Stationen als Trainer den VfL Bochum, Arminia Bielefeld, die Ghanaer Accra Hearts of Oak und Teraktor Sazi im Iran einschließen, einen Spitznamen. Sie nennen ihn „Middendraw“ – „draw“ wie Unentschieden. Und tatsächlich: Als der zur Halbzeit eingewechselte Shaun Bartlett in der 90. Minute mit dem letzten Ballkontakt des Spiels den Treffer zum 1:1 erzielt, erfüllt sich wieder einmal die Prophezeiung. Es war eine Zitterpartie für Ernst Middendorp, aber er ist noch einmal davongekommen. Von 30 Derbys in der Geschichte des Klubs haben die Chiefs 12 Mal gewonnen, acht Mal verloren und zehn Mal unentschieden gespielt.

Bei der Pressekonferenz sagt der deutsche Trainer zwei belanglose Sätze. Dann schiebt er stumm und mit neutralem Gesichtsausdruck eines seiner drei Mobiltelefone auf dem Podium herum, während draußen Zehntausende Chiefs- Fans das späte Unentschieden feiern, als hätte ihr Team gewonnen. Middendorp sagt am nächsten Tag in seinem „Wohnzimmer“, der Lobby des Hyatt Hotels, er sei nun wirklich kein sentimentaler Mensch, und darüber hinaus auch nicht besonders emotional. Charles Vundla, Kaizer-Chiefs-Kolumnist der Zeitung „The Star“, schreibt, die Fans hätten sich nur deswegen benommen, weil Journalisten aus Deutschland anwesend gewesen seien. Während eines der letzten Derbys hatten Fans Sitze aus der Verankerung gerissen, sie angezündet und auf das Spielfeld geschmissen.

Middendorps Team steht auf Platz vier der südafrikanischen Premier League. „Platz eins ist ein Muss, Platz zwei wird gerade eben noch geduldet, Platz drei ist wie ein Abstieg“, erklärt Middendorp mit fester Stimme. „Platz vier ist eine Katastrophe, das totale Desaster.“ Sein Torwarttrainer, der Stuttgarter Rainer Dinkelacker, nickt zustimmend. Middendorp und Dinkelacker sind ein wenig angeschlagen. Am Abend des Spiels ist es spät geworden, sie haben mit ein paar deutschen Freunden in einer Bar auf Dinkelackers Geburtstag angestoßen. Middendorp sagt, er kenne keine Freizeit, wisse nicht, was das ist. Weihnachten werde er für drei Tage ins Emsland fliegen, seine Mutter besuchen. Am 6. Januar steht das nächste Spiel auf dem Programm.

Ernst Middendorp ist ein Freund der offenen Worte, viele fürchten ihn. Spieler, die unvermittelt an der Mittellinie das Tanzen anfangen, um die Gunst der Zuschauer zu gewinnen, nennt er „Schwachköpfe“. „Ich habe denen schon hundert Mal gesagt, sie sollen das lassen. Aber die hören einfach nicht auf mich. Sorry, die Zuschauer lieben es, aber unsere Punkte dürfen nicht gefährdet werden.“ Seine Augen blitzen. Hinter der kühlen Fassade des Trainers muss es irgendwo an einem geheimen Ort brodeln.

Herr Middendorp, was unterscheidet südafrikanischen Fußball von deutschem Fußball? „Den Spielern ist es nicht wichtig, Punkte zu machen. Es geht einzig und allein um den Beifall vom Publikum. Außerdem gibt es einen anderen Sättigungsgrad. Wenn ich als Spieler ein gutes Spiel gemacht habe, ruhe ich mich erst mal aus. Dieser Ehrgeiz, das nächste Spiel noch besser zu machen, fehlt. Die werden in den Medien gelobt und lehnen sich zurück. Diese Mentalität zu ändern, kostet mich viel Arbeit.“

Arbeit hatte der Kaizer-Chiefs-Coach, dessen Vertrag noch bis Mitte 2007 läuft, auch während der WM dieses Jahr – als Kommentator für das südafrikanische Fernsehen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist er nicht nach Deutschland geflogen. „Ich habe keine Tickets bekommen“, sagt er. Irgendwann seien ihm dann doch welche angeboten worden, doch „da hatte ich keine Lust mehr“. Ernst Middendorp hat auch seinen Stolz. „Die wichtigste Eigenschaft, die man hier als Trainer haben muss, ist, nicht zwanghaft geliebt werden zu wollen.“

Richtig geliebt wird er laut eigener Aussage nur in Ghana. „Wenn ich dort am Flughafen ankomme, weiß das ganze Land: Middendorp is in the country.“ Könne man die Zuneigung in Prozent messen, habe er in Südafrika bereits 75 Prozent Ghana erreicht, glaubt er. Für jemanden, der von anderen gerne 110 Prozent verlangt, relativ wenig.

Middendorp will bis 2010 in Südafrika bleiben, es habe bereits Gespräche mit anderen Klubs gegeben. An Deutschland vermisse er nichts. Vielleicht nur die Fangesänge, die es in Südafrika außer in Bloemfontain nirgendwo gibt. Denn an den dumpfen Klang der Vuvuzelas hat sich der gelernte Posaune-Spieler Ernst Middendorp immer noch nicht gewöhnt: „Ein fürchterliches Instrument.“

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