Sport : Die Rache des Bosses

Warum Fillipo Simeoni keinen Erfolg haben darf

Sebastian Moll[Besancon]

Besancon - Die 147 im Feld verbliebenen Fahrer der Tour de France wussten nicht, wie ihnen geschah. Der sechste Tour-Sieg von Lance Armstrong stand so gut wie fest, die Alpen waren vorbei. Man stellte sich auf eine Etappe ein, bei der die Favoriten Ruhe halten und Ausreißer, die kurz vor Schluss noch einen Etappensieg holen wollen, gewähren lassen. Doch plötzlich griff Lance Armstrong an. „Das hat ganz schöne Wellen im Feld geschlagen“, sagte Laurent Dufaux von der Mannschaft Quick Step, „keiner wusste so recht, was los ist.“

Auch Altmeister Laurent Jalabert, jetzt Fernsehkommentator, war verwirrt. „Ich habe gedacht, ich verstehe den Radsport nicht mehr.“ Doch das Rätsel löste sich auf. Lance Armstrong hatte eine private Angelegenheit zu regeln.

Kurz zuvor hatte nämlich der Italiener Fillipo Simeoni angegriffen. Armstrong hat es auf Simeoni abgesehen, weil dieser ihn vor einem italienischen Gericht wegen übler Nachrede verklagt. Deshalb möchte der Patron der Tour Simeoni im Feld sportlich ruinieren. Was ihm am Freitag eindrucksvoll gelang. Er fuhr gemeinsam mit Simeoni zu einer Fluchtgruppe von sechs Mann auf und machte unter den Ausreißern deutlich, dass keiner von ihnen durchkommen würde, wenn sie mit Simeoni kooperieren. Die Gruppe fügte sich und bedeutete Simeoni, sich zurückfallen zu lassen. „Wir waren nicht nett zu Simeoni – wir haben ihn darum gebeten, uns in Ruhe zu lassen“, sagte der Franzose Sebastien Joly. Sogar Simeoni fügte sich schließlich. „Ich habe mich aus Respekt vor meinen Kollegen gebeugt“, sagte Simeoni. Armstrongs Verhalten fand er unwürdig. „Ein großer Champion lässt sich nicht zu so etwas herab.“

Armstrong selbst glaubte, er habe als Vertreter seiner Zunft gehandelt. „Ich habe das Peloton beschützt.“ Armstrong meinte sich vor seine Kollegen stellen zu müssen, weil Simeoni als Zeuge vor Gericht über die Dopingpraktiken von Michele Ferrari – dem Betreuer Armstrongs – ausgesagt hatte. „Wenn er gewonnen hätte, hätte er den Radsport beschmutzt und herumgelabert, er sei der einzige saubere Fahrer. Solche Typen machen unseren Sport kaputt.“

Es war nicht das erste Mal, dass Armstrong Kritiker abstrafte. Schon 1999 verfuhr er ähnlich mit dem Franzosen Christophe Bassons, der öffentlich über die Kultur des Dopings im Radsport gesprochen hatte. Bassons Karriere erlitt durch die Ächtung des Bosses einen Knick, von dem sie sich nicht mehr erholte.

Armstong scheint sich mit der Taktik der Isolierung von Kritikern im Einklang mit seiner Zunft zu befinden. Als am Freitag Simeoni wieder vom Feld geschluckt war, musste er sich weitere Beschimpfungen gefallen lassen. Daniele Nardello vom Team T-Mobile pöbelte: „Du bist eine Schande für den Radsport, Leute wie du dürften nicht bei der Tour mitfahren.“ Sogar in seiner Mannschaft ist Simeoni nicht ausschließlich wohl gelitten. Sein Kapitän Mario Cipollini hatte offenbar versucht Druck auszuüben, damit Simeoni nicht für die Tour nominiert wird. „Ich denke, 90 Prozent der Radprofis sind gegen mich“, glaubt Simeoni, „man braucht schon viel Charakter, um im Radsport zu überleben.“ Vor allem, wenn man das Schweigegelübde der Familie bricht. Sebastian Moll

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