Sport : Die Rädchenfrage

Stallorder oder nicht? Wenn sich Formel-1-Teamkollegen bekriegen dürfen wie Vettel und Webber, holt meist ein Dritter den Titel

Karin Sturm[Sao Paulo]
Sportsfreunde. McLaren-Pilot Alain Prost (r.) holt 1989 durch einen Crash mit dem Teamkollegen Ayrton Senna den Titel. Foto: AFP
Sportsfreunde. McLaren-Pilot Alain Prost (r.) holt 1989 durch einen Crash mit dem Teamkollegen Ayrton Senna den Titel. Foto: AFPFoto: AFP

Auch die Formel 1 ist nicht ganz frei von höheren Werten. Das derzeit heißeste Thema beispielsweise ist schlicht und ergreifend im Bereich Philosophie zu verorten: Wie hältst du’s mit der Stallorder? Es ist, da die Saison mit dem vorletzten Lauf in Brasilien (heute 17 Uhr MEZ/RTL und Sky) auf die Zielgerade einbiegt, die Frage, die den Titelkampf entscheiden könnte.

Natürlich ist die Stallorder in der Formel 1 offiziell verboten. Aber dass diese Regel praktisch nicht zu kontrollieren und nicht effektiv zu bestrafen ist, wurde spätestens beim Rennen in Hockenheim klar. Da kam Ferrari nach dem inszenierten Platztausch zwischen Fernando Alonso und Felipe Massa mit einer Strafe von 100 000 US-Dollar davon. Es ist ein läppischer Preis dafür, dass Alonso dadurch am Ende den Titel gewinnen könnte.

Aber zurück zur Philosophie. Im Kern geht es bei der Stallorder-Problematik darum: Soll man den echten, ungezügelten Wettbewerb zwischen den Teamkollegen vielleicht deckeln, um damit einem Fahrer zum Wohle des Teams bessere Chancen zu bescheren? Oder sollen die beiden Stallrivalen bis zum Ende frei fahren dürfen – mit dem Risiko, dass sich dann am Ende die Konkurrenz ins Fäustchen lacht und ein lachender Dritter den Titel abstaubt?

Dietrich Mateschitz hat sich anders als Ferrari für die zweite Variante entschieden. „Lieber verlieren wir die WM, als dass wir den gleichen Weg wie Ferrari gehen und manipulieren“, sagt der Red-Bull-Eigner. Dass das durchaus passieren kann, dass so am Ende nicht Sebastian Vettel oder Mark Webber den Titel holen, sondern der Ferrari-Pilot Fernando Alonso, das nimmt er bewusst in Kauf.

Historische Beispiele für eine solche Situation gibt es einige. Zuletzt passierte das McLaren 2007, als sich Lewis Hamilton und Alonso bis aufs Blut bekämpfen durften. Hamilton hatte zwei Rennen vor Schluss bereits 17 Punkte Vorsprung auf den Ferrari-Rivalen Kimi Räikkönen, doch im letzten Rennen in Interlagos holte sich der Finne noch den Titel.

21 Jahre zuvor verlor Williams auf ähnliche Art und Weise die WM im letzten Rennen. Nigel Mansell und Nelson Piquet lieferten sich 1986 im besten Auto der Saison einen ähnlich erbitterten Kampf. Mansell schien beim Finale in Adelaide schon der Weltmeister zu sein, als ihm in der Schlussphase der Reifen platzte und er in der Mauer landete. Williams musste daraufhin Piquet zu einem Sicherheits-Reifenwechsel an die Box holen. Gelacht wurde am Ende in der Box nebenan bei McLaren: Alain Prost gewann das Rennen und die Weltmeisterschaft.

1999 wurde McLaren-Mercedes nach dem Rennen von Spa heftig kritisiert, weil David Coulthard dort vor dem WM-Kandidaten Mika Häkkinen gewinnen durfte. Mercedes-Sportchef Norbert Haug äußerte sich damals ähnlich wie heute Mateschitz: „Lieber kein Titel als einer, der mit fragwürdigen Methoden gewonnen wurde.“ Am Ende reichte es dann doch für Häkkinen. Bis heute aber wird gemunkelt, dass da Michael Schumacher ein kleines bisschen mitspielte. Der kam nach seinem Beinbruch in Silverstone am Saisonende noch für die letzten beiden Rennen zurück, um seinen Ferrari-Teamkollegen Eddie Irvine im WM-Kampf zu unterstützen. Ein Sieg von Schumacher beim Finale in Japan vor Häkkinen hätte Irvine damals den Titel gebracht. Doch als Häkkinen das Rennen vor dem Deutschen anführte, hatten einige den Eindruck, dass Schumacher nicht wirklich angriff. Wer wollte es ihm verdenken: Wohl fast allen Piloten ist ein Konkurrenz-Fahrer als Weltmeister lieber als der eigene Teamkollege.

Das gilt ganz sicher auch für die epischen Stallduelle zwischen Ayrton Senna und Alain Prost in den Jahren 1988 und 1989. Ihr McLaren war damals aber so überlegen, dass die Konkurrenz nie auch nur annähernd in Schlagdistanz kam. Teamchef Ron Dennis konnte also seine zwei am Ende komplett verfeindeten Superstars frei aufeinander loslassen, ohne zu riskieren, den Titel für McLaren zu verlieren. Und der Aufmerksamkeits-Effekt, den letztlich die gesamte Formel 1 aus diesem Duell erzielte, war enorm. Es hob den Rennsport von den Sportseiten auf eine ganz neue, bis dahin unbekannte Ebene des Medieninteresses.

In so einem Fall ist es für den Teamchef relativ einfach, die Entscheidung für die sportliche Fairness zu fällen. Und auch Dietrich Mateschitz ist in gewisser Weise in einer einfacheren Position als viele andere Teamchefs. Da er selbst der Hauptgeldgeber ist, hat er keinen Druck von Sponsoren oder, wie mancher Hersteller, Ärger mit den Aktionären zu fürchten, sollte der Titel auf Grund sportlicher Fairness tatsächlich verloren gehen. Mit öffentlicher Kritik wird er dennoch leben müssen, sollte der Weltmeister 2010 auf Grund seiner Haltung tatsächlich Fernando Alonso heißen.

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