Sport : Die Realität des Retters

Kölns gefeierter neuer Trainer Daum muss erkennen, dass seine Anwesenheit allein nicht für Siege reicht

Erik Eggers[Köln]

Die Hoffnung, so vage sie auch gewesen war, hatte die Masse im Stadion gehalten. 48 000 Menschen harrten am Montagabend in Köln-Müngersdorf aus und warteten auf dieses Wunder, das ihnen in Gestalt des neuen Trainers Christoph Daum versprochen worden war. Es waren ja nur zwei Tore. Doch dann starb diese Hoffnung mit einem Schuss. Als Klemen Lavric, der Duisburger Stürmer, in der 80. Minute frei vor Torwart Stefan Wessels auftauchte, ihn umdribbelte und lässig zum 0:3 einschob, da wurde selbst dem unverbesserlichen Optimisten klar, dass es erneut nicht reichen würde für den 1. FC Köln. Nach einem gespenstischen Moment der Ruhe setzten sich also die Menschen in Bewegung und verließen die Arena. Und es passte zur Situation des kriselnden Zweitligaklubs, dass es inzwischen in Strömen regnete.

Das 1:3 (0:2), das zu Buche stand nach der Premiere Daums, war mehr als eine Niederlage. „Ein mächtiger Aufprall in der Realität“ titelte tags darauf der „Kölner Stadt-Anzeiger“, da es nun nur noch vier Punkte bis zur Abstiegszone sind. Tatsächlich ist dieser „Schwebezustand“ (Daum), dieses fiebrige Erwarten, das eine ganze Stadt gepackt hatte nach der Verpflichtung des Trainers, kaum vermittelbar außerhalb der Stadtmauern Kölns. Vor dem Spiel wurden am Straßenrand und auf den Vorwiesen des Stadions T-Shirts verkauft, auf denen ein weißes Konterfei des Trainers gedruckt war, und darunter stand: „Messias“. Die Atmosphäre im fast ausverkauften Stadion war stimmungsvoll, und als die Spieler endlich einliefen, da sangen die Fans ihre Hymne („Mir stonn zu dir, FC Kölle“) noch inbrünstiger, noch lauter, noch versunkener als für gewöhnlich.

Vorher war vor der Südtribüne, wo die heißblütigsten aller FC-Anhänger stehen, ein riesiges Transparent entrollt worden: „Herzlich willkommen Christoph! Eine ganze Stadt wartete auf Dich, voller Sehnsucht nach Erfolg!!!“ – mit diesen Worten hatte der mitgliederstärkste Fanklub „Wilde Horde“ jenen Mann begrüßt, der in den 16 Jahren nach seiner Entlassung „nur physisch abwesend“ gewesen war, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ geschrieben hatte. Denn in Wirklichkeit schwebte Daum wie ein Geist über dem Verein – er war stets die Antwort auf die Frage, wer diesen Klub, der seit 1998 viermal abgestiegen ist aus der Bundesliga, wieder in die internationale Spitzenklasse führen könne. Insofern gelten in Köln Plakate mit dem Dreiklang „Aufstieg – Uefa-Cup – Champions League“, wie sie am Montag in die Höhe gehalten wurden, keinesfalls als Ausdruck von Größenwahn.

Die Hauptfigur des Abends inszenierte sich bewusst als Gegenpol. Während die Fans tobten nach vermeintlichen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, verharrte Christoph Daum zumeist recht cool an der Seitenlinie und rasterte das Geschehen auf dem Spielfeld. „Die Emotionen sind hier immer großartig“, sagte der 53-Jährige später, aber er müsse die Abläufe nun einmal aus Profi-Sicht betrachten und solche Dinge ausblenden.

Entsprechend kühl klang seine Analyse nach der Partie. Seine Fähigkeit, die Spieler nach Fehlern öffentlich zu kritisieren, ohne sie dabei den Medien oder den Fans zum Fraß vorzuwerfen, hat er dabei in den letzten sechs Jahren nicht verloren. Innenverteidiger Alpay Özalan etwa lobte er zunächst dafür, „Impulse zu setzen“. Erst danach ermahnte er den ehemaligen Kapitän der türkischen Nationalmannschaft, den die Kölner Fans als „kölsche Jung“ verehren, wegen seiner üblen Grätsche gegen Markus Daun in der 67. Minute, die einen berechtigten Platzverweis zur Folge hatte: „Das war in dieser Situation zu riskant.“ Gleichzeitig bekräftigte Daum erneut, dass er den Kader in der Winterpause entscheidend verstärken will und sagte: „Eine Personalangleichung im Kader ist sicher nötig.“

„FC zu schlecht für Daum“, titelte denn auch schon die „Bild“-Zeitung, die dem Trainer traditionell assistiert. Dass die Boulevardzeitungen nun, nachdem mit Daum die wichtigste Forderung erfüllt ist, spektakuläre Transfers von Klubpräsident Wolfgang Overath erwarten werden, dazu bedarf es jedenfalls keiner großen prophetischen Fähigkeiten. Und auch die Mannschaft bekam am Montagabend, nach dieser trostlosen Vorstellung, einen Vorgeschmack darauf, wer in Zukunft für schlechte Leistungen verantwortlich gemacht wird: Einige Hundert Fans beschimpften die Profis, als sie mit betretenen Mienen zur Verabschiedung in Richtung Südtribüne schlichen.

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