Sport : "Die Reform der ATP-Tour ist keine - in Wahrheit ändert sich nichts"

BORIS BECKER (31) übt den Blick des Falken.Weniger auf dem Tenniscourt selbst, denn in Dubai ist er mit einer Niederlage in der ersten Runde gegen den Schweden Jonas Björkman in die neue Saison gestartet.Doch sportpolitisch hat sich der dreimalige Wimbledonsieger die Angriffslust bewahrt: Beim Deutschen Tennis Bund strebt er eine zentrale Förderung der Talente an und glaubt weiter an seine Visionen von einer Reform der ATP-Tour.Jörg Allmeroth zeichnete in Dubai das Interview mit dem 49fachen Turniergewinner auf.

TAGESSPIEGEL: Herr Becker, das Tennisjahr hat für Sie spät und dann gleich mit einer Niederlage in Dubai begonnen.Wie sehr schmerzt einen Teilzeitprofi ein solcher Fehlstart?

BECKER: Ich verliere heute genau so ungern wie vor zehn Jahren.Jede Niederlage tut weh.Früher war ich nach so einem Spiel zwei Tage nicht ansprechbar, jetzt dauert es vielleicht zwei Stunden, bis die Enttäuschung überwunden ist.Das ist der Unterschied.

TAGESSPIEGEL: Was hält Sie eigentlich noch im Profitennis? Warum ziehen Sie keinen Schlußstrich unter Ihre erfolgreiche Karriere?

BECKER: Weil ich immer noch sehr gerne Tennis spiele.Es muß sich auch keiner Sorgen machen, daß ich als Profi in dauernden Niederlagen untergehe.Dubai war nur ein Startpunkt, ich habe es noch immer geschafft, nach drei, vier Wochen mit Turnierstarts in Schwung zu kommen.

TAGESSPIEGEL: Was sind Ihre Ziele für diese Saison?

BECKER: Ich halte mich zunächst mal für den Daviscup fit.Dort werde ich womöglich im Doppel gebraucht.Und wenn sich einer unserer beiden Topspieler Haas oder Kiefer verletzt, müßte ich vielleicht sogar im Einzel ran.Ansonsten kann ich mit ein bißchen Glück immer noch ein Turnier gewinnen, das habe ich auch 1998 bewiesen.

TAGESSPIEGEL: Wollen Sie in der Weltrangliste wieder deutlich nach oben rücken?

BECKER: Das ist wahrscheinlich nicht drin.Ich bin nicht mehr bereit, die Opfer zu bringen, die dafür erforderlich sind.Anderthalb Jahrzehnte in der Knochenmühle Profitennis haben schon ihre Spuren hinterlassen.

TAGESSPIEGEL: Es gab Meldungen, die Amerikanerin Lindsay Davenport wolle mit Ihnen gemeinsam zum Mixed-Wettbewerb in Wimbledon antreten ?

BECKER: Das höre ich zum ersten Mal.Aber wenn sie will, werde ich mal mit ihr über das Thema sprechen.Generell ausschließen kann ich nichts - wie immer in den letzten 15 Jahren.Nichts ist unmöglich.

TAGESSPIEGEL: Waren Sie überrascht von den guten Ergebnissen, einschließlich des Turniersieges des Qualifikanten Rainer Schüttler in Doha, der deutschen Profis zum Saisonstart?

BECKER: Ein bißchen schon.Aber daß bei Haas ein Durchbruch bevorsteht, habe ich schon im letzten Jahr prophezeit.Der Turniersieg von Rainer Schüttler ist ein Signal an viele andere Spieler aus den DTB-Kadern - ein Zeichen, daß man mit harter, kontinuierlicher Arbeit etwas Großes erreichen kann.Es gibt sicher welche, die mehr Talent haben als Schüttler, die das aber bisher nicht genutzt haben.Für die muß das Motto lauten: Wenn der es kann, kann ich es auch.

TAGESSPIEGEL: Als DTB-Angestellter haben Sie mit dem Kölner Professor Karl Weber einen neuen Chef.Beobachter werteten seine Wahl auch als Becker-Niederlage, da Sie sich für den Gegenkandidaten Holthoff-Pförtner stark gemacht hatten.

BECKER: Ich habe nicht vor, Herrn Weber zu beurteilen oder zu verurteilen.Das hat einen simplen Grund.Ich kenne ihn gar nicht, ich habe mich noch nie mit ihm unterhalten.Es ehrt mich aber, daß er gesagt hat, seine erste Amtshandlung wäre es, mich zu treffen.Man sollte ihm erst mal 100 Tage geben, um sich zu bewähren.

TAGESSPIEGEL: Befürchten Sie in Zukunft nicht doch wieder größere Schwierigkeiten für Ihre DTB-Arbeit?

BECKER: Keine Ahnung.Ich werde nur darauf drängen, daß unsere Ideen in der Talentförderung weiter durchgesetzt werden, also auch eine zentraler gesteuerte Ausbildung der Jugendlichen.Und daß genügend Geld für diese Projekte fließt.In die höhere DTB-Politik mische ich mich ansonsten nicht ein.

TAGESSPIEGEL: Seit den Australian Open scheint klar zu sein, daß Sie als Reformer der Tennis-Tour vorerst gescheitert sind: Die Turnierdirektoren haben Ihren Vorschlag für eine Eliteserie und einen neuen Jahreskalender verworfen.

BECKER: Die nun beschlossene Reform der ATP-Tour ab dem Jahr 2000 ist keine Reform.In Wahrheit ändert sich mit dem Modell gar nichts.Die alten Probleme bleiben bestehen, das angeschlagene System wird immer schwächer.Deshalb weiß ich auch, daß wir mit unseren Vorstellungen bald zum Zuge kommen.Es ist nur eine Frage der Zeit.

TAGESSPIEGEL: Daheim machen Sie zurzeit auch als Hauptdarsteller einer umstrittenen Anzeigenkampagne zur doppelten Staatsbürgerschaft Schlagzeilen.Wie bewerten Sie die öffentliche Diskussion?

BECKER: Mein Engagement ist völlig überparteilich, ohne jeden Bezug zu einem politischen Lager.Den Anstoß zum Mitwirken hat auch die Tatsache gegeben, daß meine Frau zwei Pässe besitzt und daß mein Sohn die Option hätte, zwei Pässe zu beanspruchen.Die Aufregung über die Teilnahme von Boris Becker an dieser Aktion kann ich nicht nachvollziehen: Glücklicherweise kann in einer Demokratie jeder eine Meinung haben und sie öffentlich vertreten.

TAGESSPIEGEL: Nach deutschen Zeitungsmeldungen steht der Familie Becker Zuwachs ins Haus?

BECKER (lachend): Meine Güte, wenn jedes dieser Gerüchte stimmen würde, dann wäre ich schon 40mal Vater geworden.Die angeblich seriösen Quellen für diesen Bericht sind nicht ernst zu nehmen.

TAGESSPIEGEL: Wie sehr hat der Fußball-Fan Becker aus der Ferne über die Pleiten der Nationalmannschaft gelitten?

BECKER: Gewaltig.Ich wollte das Ergebnis des USA-Spiels erst gar nicht glauben.Seit dieser 0:3-Niederlage hat der ganze Becker-Clan in Dubai Schwarz getragen.Auch das 3:3 gegen Kolumbien ändert nichts an dem leider sehr traurigen Zustand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben