Sport : „Die Reiter müssen jetzt umdenken“

Dopingexperte Wilhelm Schänzer über Manipulation im Pferdesport

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Herr Schänzer, in den vergangenen Tagen wurde behauptet, das Dopinglabor in Paris sei durch die Skandale bei der Tour de France besonders genau in der Analyse. Wären die Proben der Pferde von Ludger Beerbaum und Bettina Hoy bei Ihnen auch positiv gewesen?

Das glaube ich schon. Die Technik ist vergleichbar. Die Labors in Paris, London, Köln und Italien bilden eine Gruppe, und wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Zum Teil werden die BProben in den anderen Labors untersucht. Es kann daher nicht sein, dass eine Probe in einem Labor positiv ist und im anderen nicht. Allerdings gibt es einen Grenzbereich. Doch um das genau zu beurteilen, muss ich mir die endgültigen Werte ansehen.

Sie untersuchen Proben von Pferden und Menschen. Müssen Sie sich darauf einstellen?

Sicher gibt es Unterschiede. Die Zusammensetzung des Urins ist unterschiedlich. Pferde haben einen anderen Stoffwechsel. Einige Methoden müssen wir deshalb anders anwenden, weil einige Substanzen bei Pferden auch anders nachzuweisen sind. Für einige Stoffe ist die Technik jedoch vergleichbar.

Werden Pferde denn häufig erwischt?

Wir haben immer wieder positive Proben und berichten jedes Jahr darüber. Doch im Pferdesport ist das immer ein Grenzgang. Es nennt sich hier ja Medikationskontrolle, es dürfen also überhaupt keine Medikamente bei den Pferden vorkommen. Man wollte damit verhindern, dass Pferde fit gespritzt werden. Echtes Doping ist daher oft schwierig abzugrenzen von einer falschen Medikation.

Es gibt aber doch sicher auch bewusste Manipulationen und nicht nur Unwissenheit im Umgang.

Es gibt immer wieder Versuche, bei einer Therapie mit Medikamenten möglichst lange in den kritischen Bereich hineinzuarbeiten. Effektiv ist das schon, wenn ein Pferd ohne das Medikament seine Leistung nicht ganz so erbringen würde.

Die Häufung in den vergangenen Jahren ist allerdings auffällig.

In der Analytik sind wir jetzt viel weiter. Wir können Dinge nachweisen, Kortikoide zum Beispiel, die wir vor drei oder vier Jahren nicht gefunden haben. Es wurde wohl immer noch gedacht, wenn nichts nachgewiesen werden kann, kann ich es auch anwenden. Da muss jetzt ein Umdenken bei den Reitern stattfinden.

Muss man für mehr Ehrlichkeit also Trainingskontrollen einführen?

Im Galoppsport macht das Direktorium für Vollblutzucht das zum Teil schon. Es gibt dort Kontrollen, um die Werte bestimmter Substanzen im Training mit den Werten im Wettkampf besser vergleichen zu können. Ich weiß, dass es in Europa viele Bestrebungen gibt. Das deutsche Direktorium ist da Vorreiter. Ob der Springsport das auch will, muss er allerdings selbst entscheiden.

Können Sie sich denn vorstellen, dass Dopingmittel bei Pferden im Training angewendet werden?

Da kann man viel spekulieren. Die Möglichkeit zur Leistungssteigerung mit anabolen Steroiden ist vorhanden. Aber systematisch ist das bisher nicht untersucht worden. Deshalb ist das Risiko auch nicht einzuschätzen.

Die Unsicherheit im Umgang mit Medikamenten ist also sehr hoch.

Ich bekomme viele Anfragen von Athleten. Zum Beispiel bei Stimulanzien zur Therapie. Wir versuchen da, Empfehlungen zu geben. Aber im Tiersport ist das viel gravierender als bei den Menschen, weil die Liste der verbotenen Substanzen viel länger ist. Und für viele Medikamente können wir keine Empfehlungen geben, weil der sichere Anwendungszeitraum nicht bekannt ist. In vielen Fällen geben wir dann einen großen Zeitraum von einer Woche bis zwei Wochen mit.

Ist die Nulllösung haltbar, wenn Pferde im Training therapiert werden dürfen und die Abbauzeit ein Glücksspiel ist?

Es gibt Substanzen wie zum Beispiel Schmerzmittel, bei denen die Nulllösung nicht angewendet wird. Bei Steroiden und Kortikoiden zum Beispiel sollte das aber nach Ansicht der europäischen Reiterverbände nicht sein. Hier sollte eine noch so kleine Menge nachgewiesen werden können.

Das Gespräch führte Ingo Wolff

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