Sport : Die Reizfigur

Bevor Bremens Hunt einen wichtigen Elfmeter verwandelt, pfeifen ihn die eigenen Fans aus

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Es lief die 87. Spielminute im Bremer Weserstadion. Schiedsrichter Peter Sippel hatte gerade auf Strafstoß für Werder Bremen entschieden. Die Fans jubelten. Es stand 3:3, es war ein sehr enges Spiel gegen den SC Freiburg. Dann ging ein Raunen durchs Stadion. Aaron Hunt hatte sich den Ball geschnappt. Es gab keinen Zweifel, er wollte schießen. Das Raunen wich einer gespenstischen Stille. Die Fans hielten den Atem an. Ausgerechnet Aaron Hunt.

Der 24-Jährige ist, gelinde gesagt, eine Reizfigur in Bremen. Er muss als Projektionsfläche für den Frust herhalten, den die Zuschauer mit ins Stadion bringen. Es wurde sogar gepfiffen, als Hunt den Ball auf dem Punkt drapierte. Man muss sich das mal vorstellen: Da tritt ein Spieler des Lieblingsklubs zum Elfmeter an, und ein Teil der Fans beginnt zu pfeifen.

Hunt lief an – und verwandelte souverän. In Bremen wäre der Teufel los gewesen, hätte Hunt verschossen. Das war ihm bewusst. Man muss durchaus Respekt davor haben, dass er sich getraut hat. Der Schütze indes gab sich cool danach. „Mir war gleich klar, dass ich schieße. Ich habe mich gut gefühlt“, sagte er. Das Gemurmel hinter dem Tor, die Pfiffe, das müsse man aushalten als Profi. Sein Trainer Thomas Schaaf sagte: „Ich fand das richtig gut, dass er die Verantwortung übernommen hat.“ Und Werders Geschäftsführer Klaus Allofs erklärte: „Das sind Momente, in denen sich ein Spieler positionieren kann. Man kann nicht nur zum Elfmeter antreten, wenn es schon 3:0 steht.“ Allofs ist überzeugt davon, „dass die Situation Aaron weiterbringen wird“. Darauf hoffen sie seit Jahren in Bremen.

Aaron Hunt zählt inzwischen zu den dienstältesten Werder-Profis. Dass er in Bremen landete, ist eher einem Zufall zu verdanken. Er spielte als 14-Jähriger beim FC Bayern vor. Die Münchner waren durchaus angetan, hatten aber gerade keinen Platz im Internat frei. Hunt wollte nicht warten und ging zu Werder. Er war Werders jüngster Bundesliga-Debütant, er war Werders jüngster Bundesliga-Torschütze. Er galt als eines der größten Talente in Deutschland. Aber das Talent Hunt blieb ein Talent. Weil er sich selbst immer wieder im Weg stand.

Er büchste aus dem Internat aus. Später gab es Schlägereien in einer Diskothek. Hunt soll einen farbigen Gegenspieler aufs Übelste beleidigt haben. Aus dem Wunderkind wurde ein Sorgenkind. Konstant konnte er sein Potenzial nie abrufen. Bis zur Saison 2009/10. An der Seite von Mesut Özil spielte Hunt in der Hinrunde so gut, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn für die A-Nationalmannschaft nominierte. Der Bremer debütierte im November 2009 beim Länderspiel gegen die Elfenbeinküste. Doch der Traum von der WM 2010 war schon bald ausgeträumt. Als Özil zwischenzeitlich in eine Krise schlidderte, schlidderte Hunt hinterher. Özil kam aus dem Tief, Hunt blieb drin stecken. Özil spielte eine brillante WM, Hunt verfolgte sie vor dem Fernseher.

In der vergangenen Saison spielte Aaron Hunt konstant. Er spielte konstant schlecht. Die Bremer Fans mögen es, wenn sich ein Spieler zerreißt. Dann verzeihen sie ihm auch mal einen Fehlpass. Aaron Hunt ist kein Kämpfer. Er hat den Ball zum Freund, aber wenn der ihm zwischenzeitlich mal die Freundschaft kündigt, lässt Hunt sich schnell hängen und schleicht wie ein geprügelter Hund über den Platz. „Aaron hat eine fürchterliche Körpersprache“, sagt Schaaf, „das weiß er. Und er weiß auch, dass er das ändern muss.“ Man darf gespannt darauf sein, ob der verwandelte Elfmeter ihm dabei hilft.

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