Sport : Die Rennbahn ist der Sieger

Zum Traber-Derby in Mariendorf kommen 18000 Zuschauer – erstaunlich viel

Heiko Lingk

Berlin - Es war gestern ein ebenso kräftezehrendes wie spannendes Rennen für die zehn Starter auf der Trabrennbahn Mariendorf. Noch Minuten, nachdem sie über die Zielllinie gesprintet waren, stand allen zehn Fahrern im Charlie-Mills-Memorial um 27 000 Euro Dotation die Anstrengung im Gesicht geschrieben. Auch die Pferde wirkten erschöpft, und das gleich aus zwei verschiedenen Gründen: Zum einen hatten sie einem vierbeinigen Konkurrenten, der beim Anblick des Startautos sehr ungebärdig war und seine sensiblen Vollblüternerven nicht im Griff halten konnte, eine quälende zeitliche Verzögerung zugebilligt. Zum anderen, weil die Pferde unmittelbar danach im Rennen geschlossen eine unglaublich gute Leistung auf die Sandpiste legten, die ihren Ausdruck in dem sensationellen Kilometerschnitt von 1:13,9 Minuten.

Auch der Mariendorfer Traber-Chef Ulrich Mommert wirkte nach dem Rennen erschöpft. Obwohl er es natürlich nur als Zuschauer verfolgt hatte. Bei Ulrich Mommert hatte die Anspannung einen anderen Hintergrund: Der Amateurfahrer, dem selbst rund 100 Traber gehören, erlebte den Auftakt einer Derbywoche erstmals in seiner neuen Eigenschaft als Vorsitzender des Rennvereins. Die kleine Mannschaft um ihn herum hatte in den Tagen zuvor zwar fieberhaft an dem wichtigsten deutschen Traber-Event gearbeitet. Doch welches Ergebnis sie wirklich zu erwarten hatten, das wusste auch der pferdeverrückte Großindustrielle nicht.

Nach dem Hauptrennen war Mommert sichtlich erleichtert: „Es könnte noch mehr Umsatz durch die Totokassen fließen, denn den brauchen wir zur Finanzierung des Sports“, sagte er. „Aber es geht uns nicht nur ums Geld. Wir wollen die Herzen der Fans zurückgewinnen, und da sind wir auf dem richtigen Weg.“

Das kann man nach dem gestrigen Renntag von Mariendorf wohl so sehen. Mommert hatte mit keinem großen Besucherandrang gerechnet, wie er zugab. Am Ende übertraf die Zahl der Zuschauer selbst optimistischste Schätzungen: 18000 Zuschauer strömten am großen Schultheiss-Renntag auf die Mariendorfer Tribünen. Eine erstaunliche Marke für die Berliner Rennbahn, die noch vor einem Jahr von hoffnungslos überforderten Funktionären verkauft werden sollte und seitdem um neue Anerkennung ringt.

Dass auch der Hauptakteur des Charlie-Mills-Memorials für eine angenehme Überraschung sorgte, war angesichts dieses tollen Zuschauerzuspruchs fast schon eine Nebensächlichkeit. Mit dem achtjährigen Wallach Saraccino und seinem Hamburger Trainer Hans-Joachim Tipke hatten auf der Bahn nur die wenigsten gerechnet. Schon gar nicht seine Gegner im Rennen.

Während der Weltmeister Heinz Wewering mit dem Hengst Höwings Henry an der Spitze schon Ausgangs des letzten Bogens durch den hohen Tempodruck zermürbt war, saß der Mariendorfer Favorit Chinas As mit seinem belgischen Fahrer Dominik Locqueneux an der Innenkante rettungslos fest. Saraccino und Trainer Hans-Joachim Tipke dagegen hatten mit viel Schwung freie Bahn und waren quasi schon im Ziel, als Berlins bester Traber Chinas As endlich die Lücke fand und noch bis auf eine halbe Pferdelänge Abstand an den Außenseiter heranflog – zu mehr reichte es allerdings dann nicht. Saraccino siegte sensationell mit einer Quote von 1:20. Und der Überraschungssieger des gelungenen Nachmittags von Mariendorf strahlte. „Es verlief alles wie am Schnürchen. Ich hatte selber nicht mit diesem Erfolg gerechnet“, sagte er. „Aber mit seinem höllischen Speed ist Saraccino auf den letzten Metern eine Macht!“

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