Sport : Die Revolution braucht Zeit

Langsam aber sicher will Bundestrainer Greg Poss den Deutschen das Offensivspiel näher bringen

Claus Vetter[Hannover]

Greg Poss lachte, als er die Eisfläche verließ. Seine Spieler drehten in der Hannoveraner Tui-Arena noch ein paar Ehrenrunden. Seltsam. Warum wird eine Mannschaft gefeiert, die in vier Spielen viermal verliert? Der Einstand des neuen Eishockey-Bundestrainers Poss ist von den Resultaten her gründlich misslungen, nach dem 2:5 gegen Kanada vom Sonntag beendete das deutsche Team den Deutschland-Cup auf dem letzten Platz.

Spiele verloren, Sympathien gewonnen: Die Deutschen spielten mutig, was ihnen Chancengleichheit gegen prominente und gut besetzte Gegner wie die USA oder die Slowakei verschaffte. Tore fielen trotzdem nicht, und das war beim Deutschland-Cup der große Unterschied zur Gegnerschaft.

Sechs Jahre haben die Deutschen unter Poss’ Vorgänger Hans Zach vor allem das eigene Drittel verteidigt, nun sollen sie auf einmal die Gegner unter Druck setzen. „Das kriegst du so schnell nicht in alle Köpfe rein“, sagt Mannschaftskapitän Stefan Ustorf. In einer Woche lässt sich das deutsche Eishockey eben nicht revolutionieren. Mehr Zeit hatte Poss noch nicht. Doch die wird sich der neue Bundestrainer wohl ab nächster Saison nehmen. In Kürze redet er mit dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB) über eine Verlängerung seines Einjahresvertrags, zudem spricht er mit seinem Arbeitgeber in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) über ein Vertragsende zum Saisonende. „Der DEB, meine Frau und die Nürnberg Ice Tigers werden bei der Entscheidung mitreden“, sagt Poss. Es klingt so, als habe er die Entscheidung längst gefällt – zu Gunsten der Nationalmannschaft.

Aufbauarbeit als Bundestrainer im Nebenjob, das ist eben kompliziert. Die Kooperationsbereitschaft anderer DEL- Klubs ist bei einem Teilzeitbundestrainer naturgemäß gering. Welcher Trainer schließlich will Poss schon Details über sein Personal verraten, die der womöglich im Kampf um die Meisterschaft in der DEL ausnutzen könnte? Ralph Krueger, früher deutscher Nationalspieler heute Schweizer Nationaltrainer, hat einst ähnliche Erfahrungen gemacht. „Nur weil ich in der Schweiz keine Mannschaft in der Liga betreue, erzählen mir unsere Klubs alles“, sagt Krueger. „Ich weiß immer, in welcher physischen und psychischen Verfassung die Spieler sind, wenn sie zum Nationalteam kommen.“

Das Glück hat Greg Poss nicht. Dafür muss er schon nach wenigen Tagen als Bundestrainer mit dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung leben. So waren etwa die Berliner Eisbären unzufrieden damit, dass Poss ihre fünf Spieler am Sonntag gegen Kanada aufs Eis schickte, während sich einige Nürnberger schonen konnten. Schließlich ist heute schon in der DEL ein kompletter Spieltag, müssen die Eisbären beim Tabellenführer Kölner Haie antreten.

Die Tage beim Deutschland-Cup haben gezeigt: Der US-Amerikaner Poss spielt mit neuen Ideen. Sein Offensivsystem ist attraktiv anzuschauen. Doch die Revolution braucht Zeit, auch mal ein aufbauendes Ergebnis und noch mehr talentierten Nachwuchs. Da allerdings sieht es gar nicht so übel aus. Zeitgleich mit dem Deutschland-Cup gewann die U20-Nationalmannschaft in der Slowakei ein Vier-Nationen-Turnier – vor der Slowakei und der Schweiz, Nationen gegen die das Team von Poss in Hannover verloren hat.

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