Sport : „Die Revolution hat nicht stattgefunden“

Günter Netzer über den neuen DFB-Trainer Klinsmann, Brasilien und die Chancen für die WM 2006

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Herr Netzer, der erste ernst zu nehmende Test der deutschen Nationalmannschaft unter neuer Führung steht an …

… schon Einspruch. Es gibt bis zur Weltmeisterschaft keine Spiele mehr, die nicht ernst zu nehmen sind. Das Gerede von den deutschen Mannschaften, die in den Freundschaftsspielen schlampig auftreten und in Turnieren scheitern, sollte eigentlich doch jetzt vorbei sein.

Der nächste Gegner ist der Weltmeister aus Brasilien, das erste Spiel mit Trainer Klinsmann ging gegen die Österreicher, die sind nicht mal Alpenmeister.

Es ist doch völlig egal, wie der Gegner heißt. Unsere Spieler müssen in jedes Treffen mit der Einstellung gehen, dass dies kein Freundschaftsspiel ist. Vor der EM waren wir schwach, aber freundschaftlich gegen Ungarn und Rumänien. Und dann hat es mit dem Schalterumlegen im Turnier ja nicht geklappt.

Aber gewisse Unterschiede zwischen beiden Gegnern würden Sie einräumen, oder?

Natürlich. Gegen Brasilien zu spielen ist immer etwas Besonderes, da sollte die Motivation von selbst kommen. Ich habe auch mal gegen Brasilien gespielt, 1968 war das, kurz vor Weihnachten, im alten Maracana-Stadion von Rio. Die waren angetreten mit Rivelino, mit Gerson, Edu, Tostao und mit Pele. Ich glaube, es hatte so 96 Prozent Luftfeuchtigkeit und 35 Grad im Schatten. 2:2 ist es ausgegangen, gelaufen sind wir trotzdem, sogar ich.

Hat Deutschland die Spieler, die mit dem Weltmeister mithalten können?

So kurz nach dieser missglückten EM muss man wohl sagen: Nein, haben wir nicht. Aber erstens hat jeder, der aufläuft, die Verpflichtung, wenigstens die Hoffnung zu pflanzen, dass wir bei der WM in zwei Jahren eine gewichtige Rolle mitspielen. Und zweitens hat nun jeder die Chance zur Bewährung und manche zur Wiedergutmachung.

Das hört sich ein wenig trotzig an. So nach dem Motto: Es muss besser werden, und weil es besser werden muss, wird es auch besser.

Wissen Sie, ich war nicht glücklich mit den personellen Entscheidungen nach der EM.

Sie halten das Trio Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw an der Spitze der Nationalmannschaft für keine gelungene Lösung?

Ich hätte einen erfahrenen Mann bevorzugt. Aber so einer war zu diesem Zeitpunkt kaum zu haben, weil Trainer, die etwas können und auf sich halten und nicht bewusst pausieren, im Juli unter Vertrag stehen. Außerdem vergesse ich meine Vorbehalte sofort wieder: Man muss die drei stützen, und ich hoffe, dass ich mich mit meiner Skepsis täusche.

Demnach würden Sie auch nicht die nationale Nase rümpfen, wenn ein Ausländer die deutsche Fußball-Nationalmannschaft lenken würde?

Also, da bin ich ja nun wirklich frei von Verdacht. Ich habe vor 25 Jahren den Österreicher Ernst Happel in die Bundesrepublik geholt. Gegen alle Widerstände des DFB, der diesen überaus renommierten und erfolgreichen Trainer für ein halbes Jahr auf die Schulbank der Sporthochschule in Köln zwingen wollte. Lächerlich war das. Schon damals war es nötig, dass wir über unseren Tellerrand hinausblicken. Und was hat Happel alles beim HSV bewirkt. Und wie sehr hat er den deutschen Fußball befruchtet.

Zu revolutionären Umbrüchen kann sich der DFB wohl noch nicht durchringen.

Ich weiß es nicht, wie gesagt, vielleicht war auch einfach kein Ausländer zu haben gewesen. Aber eine Revolution hat nun nicht wirklich stattgefunden. Klinsmann und sein Team sind zwar angetreten mit den Parolen, den DFB auf den Kopf zu stellen. Aber da sind doch auch Köpfe drin, die nicht die schlechtesten sind, wir haben den besten Generalsekretär der Welt …

… Horst R. Schmidt …

… ja, und auch wenn es ein paar personelle Anpassungen geben wird und geben muss – ich nenne aber keine Namen –, den DFB wird auch Klinsmann nicht neu strukturieren. Allein die Macht der Amateure im Verband wird bleiben und Klinsmann klug genug sein, sich auf sportliche Aufgaben zu beschränken.

Aufgaben, die er sich im Funktionsteam teilen wird.

Ich glaube nicht, dass sich Hierarchien ändern werden, nur weil jetzt Oliver Bierhoff als eine Art Manager hinzugekommen ist. Klinsmann wird das Sagen haben, Bierhoff für Werbung und Kommunikation zuständig sein und Löw für die Trainingsarbeit. So funktioniert es in den Vereinen, und so muss es auch in der Nationalmannschaft funktionieren.

Klinsmann hat mit den Entscheidungen schon angefangen, als er das Kapitänsamt neu vergab und eine Torwartdebatte auslöste.

Der Kapitänswechsel ist nachvollziehbar und war notwendig. Kein Trainer der Welt sieht einen Torwart gerne als Kapitän. Der Kapitän muss im Feld spielen, dort kann er die Stimmungen aller Mannschaftsteile aufspüren und notfalls reagieren. So ein Kapitän ist ja nicht nur zum Wimpeltausch da.

Und die Torwartdebatte?

Die habe ich nicht verstanden. Oliver Kahn ist immer noch ein absoluter Weltklassekeeper. Erst wenn er über längere Zeit schlechte Leistung abliefert, könnte man über ihn diskutieren. Aber ich sage es noch einmal: Ich unterstütze Klinsmann, und wenn ein möglicher Torwartwechsel oder auch nur die Diskussion darüber in sein Konzept passt, dann muss er es auch durchziehen.

Zeit für Experimente haben die Deutschen aber nicht mehr. Nach ein, zwei Niederlagen werden die Kritiker nicht mehr stillhalten. Vornehmlich der Nationaltrainer Ungarns ist kein Freund Klinsmanns.

Klinsmann ist nicht blauäugig. Er wird gewusst haben, was auf ihn zukommt, auch was er von Lothar Matthäus zu hören bekommt. Aber das darf ihn alles nicht irritieren, und ich glaube, dass ihn das auch nicht irritieren wird.

Und Sie selbst? Wie nachsichtig werden Sie sein mit Ihren Kommentaren?

Nun bin ich nicht das Maß der Dinge. Und Stimmung für oder gegen die Nationalmannschaft wird möglicherweise woanders gemacht. Ich werde die Mannschaft und ihr Führungstrio positiv begleiten. Und werde trotzdem, wie auch bei Klinsmanns Vorgängern, sagen, was es zu sagen gibt.

Das Gespräch führte Helmut Schümann.

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