Sport : Die richtige Linie und ein guter Geist

Mönchengladbach ist in der Zweiten Liga ein erstaunlicher Neustart gelungen

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Der Gastspieler hat im Trainingslager einen erfreulichen Eindruck hinterlassen. „Seine Erfahrung und seine Qualität könnten wir gut gebrauchen“, sagt Jos Luhukay, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, über den Linksfuß, der internationale Erfahrung besitzt und ablösefrei zu haben wäre. Auch Christian Ziege, der Sportdirektor des Zweitliga-Spitzenreiters, war durchaus angetan: Der Neue sei „nicht negativ aufgefallen“. Sein Urteil ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Christian Ziege spricht von – Christian Ziege. Mit 35 hat er in Andalusien noch einmal das komplette Programm mitgemacht, auf den Fußballplatz wird er trotzdem nicht zurückkehren. „Das Buch ist zu“, sagt Luhukay.

Es gibt keinen Plan, Ziege zu reaktivieren, nicht mal bei Ziege selbst – und gegen den Willen Luhukays wäre er ohnehin nicht durchzusetzen. Man neigt leicht dazu, den 44 Jahre alten Holländer ein wenig zu unterschätzen, aber in der Hinrunde hat er hinlänglich bewiesen, dass er seine Vorstellungen konsequent durchsetzt. „Es ist wichtig, dass man eine Linie hat“, sagt Luhukay. Der Portugiese Zé Antonio zum Beispiel musste seit dem Sommer mit den Amateuren trainieren, weil er keinen Enthusiasmus für die Zweite Liga aufbringen konnte. Solche Leute braucht Luhukay nicht, und selbst wenn Zé Antonio seine Ansicht revidiert hätte: „Ich hätte ihn nicht mehr zurückgenommen.“

Fünfzehn Spieler haben den Verein nach dem Abstieg im Sommer verlassen, elf sind neu gekommen – mehr Umbruch ist kaum denkbar. Aus der Stammelf der vorigen Saison ist nur Oliver Neuville übrig geblieben. „Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben“, sagt Luhukay über die Zusammenstellung des Kaders. Neben der sportlichen Qualität hat er mit Christian Ziege vor allem auf die charakterliche Eignung geachtet. Mit Erfolg. Der Sportdirektor hält den Zusammenhalt der Mannschaft für außergewöhnlich, etwas Ähnliches habe er höchstens in der Nationalmannschaft erlebt. Und wenn Borussias Präsident Rolf Königs sagt, „dass wir keine Blindgänger mehr dabei haben“, ist das durchaus als Kompliment für die Transferpolitik zu verstehen.

Den Gladbachern ist in der Zweiten Liga ein überzeugender Neustart gelungen. Nach der Hinrunde hat der Tabellenführer sechs Punkte Vorsprung auf die Nicht-Aufstiegplätze – und das in einer Liga, die als so stark besetzt gilt wie selten zuvor. In diesem schwierigen Umfeld mit zehn oder mehr Aufstiegsanwärtern haben die Borussen die meisten Tore geschossen, die meisten Spiele gewonnen und die wenigsten verloren. Selbst Jos Luhukay hätte „nicht gedacht, dass wir so früh ins Rollen kommen“.

Weil die Folgen des Umbruchs schwer zu kalkulieren waren, sind die Gladbacher eher von zwei Jahren in der Zweiten Liga ausgegangen, und anfangs sah es auch so aus, als ob sie diesen Zeitrahmen voll ausschöpfen würden: Nach zwei Unentschieden verloren sie am dritten Spieltag 1:4 in Mainz. Der Niedergang, den Luhukay schon in der Bundesliga nicht hatte stoppen können, schien sich nun auch eine Klasse tiefer fortzusetzen. „Hinterher lässt sich das leicht sagen: Aber ich habe nicht eine Sekunde gezweifelt“, sagt der Trainer. „Ich war von der Mannschaft total überzeugt.“

Seit der Niederlage in Mainz haben die Borussen nicht mehr verloren; seit dem achten Spieltag sind sie Tabellenführer. „Das sieht schön aus und fühlt sich gut an“, sagt Luhukay. Aber genauso wichtig ist ihm, dass die Mannschaft den Fußball spielt, den er mit ihr im Training einstudiert. „Das Training hat viel mit Fußball zu tun“, sagt Christian Ziege. Zum ersten Mal seit Hans Meyer besitzen die Gladbacher wieder eine funktionierende Strategie für das Offensivspiel. Die Basis aber ist eine klar strukturierte und gut organisierte Defensive: Nach Ballverlusten haben die Borussen erst ein Gegentor kassiert.

„Wir gehen mit Positivismus in die Rückrunde“, sagt Luhukay. Den letzten Beweis für den guten Geist hat das Trainingslager in Andalusien erbracht: Da erfuhren die Spieler nach zwei Stunden Busfahrt, dass das geplante Testspiel ausfällt. Auf dem Trainingsplatz musste Luhukay die Strafräume sperren, weil der Rasen nicht angewachsen war, und am Ende der Woche in „Skandalusien“ („Bild“) hatte er drei Knieverletzungen zu beklagen. Dass die Spieler all das klaglos ertragen haben, ist für den Trainer eine weitere „Bestätigung, dass das Miteinander funktioniert und die Mannschaft harmoniert“. Selbst im Negativen entdecken die Gladbacher jetzt zuerst das Positive.

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