Sport : Die Riege der Prinzessinnen

Vier deutsche Turnerinnen machen Oksana Chusovitina Konkurrenz

Jürgen Roos[Gießen]

Oksana Chusovitina ist 32 Jahre alt und sie kann etwas, was nicht viele Turnerinnen können auf der Welt. Am Anfang ihrer Boden-Kür läuft sie an, macht eine Radwende, einen Flickflack, und dann katapultiert sie sich so hoch in die Luft, dass Höhe und Schwung reichen, um mit ihrem 1,53 Meter kleinen Körper einen Doppelsalto rückwärts zu beschreiben. Gestreckt, das ist das Besondere. Das macht ihr von den anderen deutschen Turnerinnen auch keine nach.

Oksana Chusovitina, die im Herbst 2006 eingebürgerte Turnerin aus Usbekistan, gewann in Gießen ihren ersten deutschen Meistertitel. Aber es wurde deutlich, dass ihre Kronprinzessinnen schon bereit stehen. Sie heißen Anja Brinker (Herkenrath), Katja Abel (Berlin), Kim Bui und Marie-Sophie Hindermann (beide Tübingen). Sie alle werden mit Chusovitina, Jenny Brunner und Joeline Möbius (beide Chemnitz) auch die deutsche Frauenriege bei der WM Anfang September in Stuttgart bilden.

Ulla Koch, die deutsche Chef-Bundestrainerin, ist angesichts dieser ungewohnten Dichte zuversichtlich, dass die Deutschen in Stuttgart Platz zwölf und damit die Olympia-Qualifikation schaffen. Und dem nahenden Konkurrenzkampf sieht sie freudig entgegen. „Ich will lieber, dass alle darum streiten, Oksana zu überholen.“ Diesen Überholvorgang hält die Trainerin schon vor den Olympischen Spielen 2008 für möglich. Wen sie dafür favorisiert, behält Ulla Koch lieber für sich. Seit gestern ist jedoch klar, wer die Kandidatinnen dafür sind. Anja Brinker zum Beispiel.

Die 16-Jährige aus Herkenrath, die mit ihren 1,52 Metern und 39 Kilo aussieht wie eine Elfjährige, kam Chusovitina gestern am nächsten. Sie hat sogar Star-Potenzial – ähnlich wie Fabian Hambüchen bei den Männern. Turnerisch hat Anja Brinker mit ihren Minimaßen alle artistischen Möglichkeiten. Auch Katja Abel macht Hoffnungen. Die 24-jährige Sportstudentin hat international als Sprung-Dritte bei der EM 2006 überzeugt und turnt vor der WM beschwingt, selbstsicher und stabil. Als Mannschaftssprecherin ist sie mehr für die Stimmung in der Riege zuständig als Chusovitina. Und wenn die Trainerin nervös wird, greift Katja Abel auch ein. „Im letzten Jahr hat Katja zu mir gesagt, ich soll nicht so ungeduldig sein“, sagt Ulla Koch, „sie hat Recht behalten.“ Jetzt glaubt die Trainerin fest an die Olympia-Qualifikation.

Kim Bui ist die extravaganteste deutschen Turnerin. Beim Aufwärmen und zwischen ihren Kür-Übungen trägt sie lange, weit über die Knie nach oben reichende Stulpen. Sie weiß, was sie will, ist eine Kämpfernatur und immer bei wichtigen Wettkämpfen topfit. „Ich habe zum ersten Mal die 57-Punkte-Marke geknackt“, sagte Kim Bui, „wie könnte ich da nicht zufrieden sein.“ Marie-Sophie Hindermann ist noch jünger als Anja Brinker, aber fast 20 Zentimeter größer, was ihrer Kür am Stufenbarren und am Boden Eleganz verleiht. Hinter vorgehaltener Hand sprechen manche Experten bereits von einer „deutschen Chorkina“.

Dass aber diese Riege im September von Chusovitina angeführt wird, scheint klar. Die 32-Jährige ist in bestechender Form. Und sie weiß, dass der Weg nach Peking nur über die Mannschaftsqualifikation führt. „Wenn wir keine großen Fehler machen, schaffen wir es“, sagt sie. Wenn sie dann von einer ihrer Kronprinzessinnen eingeholt wird, wäre das halb so schlimm: Ihre fünfte Olympia-Teilnahme hätte sie dann sicher.

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