Sport : Die Ringe sind Reifen

Das wichtigste Symbol der Spiele ist wohl geklaut

Christoph Bertling[Köln]

Die Olympischen Ringe zählen zu den bedeutendsten und teuersten Symbolen der Welt. Wenn nächste Woche in Athen die Olympischen Spiele eröffnet werden, rücken sie als Symbol für Frieden und Völkerverständigung wieder in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Überall werden sie erscheinen. Auf den Bildschirmen, auf Flaggen, auf den Hosen und T-Shirts der Athleten. Unvorstellbar erscheint es heute, dass die Olympischen Spiele ohne ihr Symbol ausgetragen werden könnten. Und doch war es einst so. Denn die Geschichte der Olympischen Ringe ist eine skurrile. Spät wurden die fünf ineinander verschlungenen Ringe bei den Spielen eingeführt, und heute liegt gar der Verdacht nahe, dass die Olympischen Ringe nichts anderes sind, als ein billiges Plagiat aus der Werbung.

Die Entstehung der Ringe beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Erst 1914, 18 Jahre nach den ersten Spielen der Neuzeit, stellte Pierre de Coubertin sie vor. Nie erwähnte der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, wie er das Logo konzipierte. Mit gutem Grund, denn offenbar sind die Ringe nicht seine Schöpfung, sondern aus der Werbung abgekupfert. Indizien dafür entdeckte Karl Lennartz. Der Sporthistoriker verweist auf eine Werbung in der Zeitschrift „Radfahr-Chronik“. In dieser wirbt die Firma Dunlop 1896, also dem Gründungsjahr der modernen Olympischen Spiele, für ihren „Dunlop-Pneumatik“, den „zuverlässigsten, elastischsten und besten aller Pneumatik-Reifen“. In der Anzeigenmitte findet sich eine Zeichnung, auf der fünf miteinander verbundene Ringe zu erkennen sind, die Fahrradreifen symbolisieren sollen. Vier der Reifen werden von Engeln festgehalten, die wiederum jeweils Bänder mit den Aufschriften Europa, Asien, Amerika und Afrika zieren.

Die Ähnlichkeit zu den Olympischen Ringen, die Coubertin 1914 präsentierte, ist offensichtlich. Lennartz ist sich sicher, dass Coubertin die Dunlop-Werbung kannte. Er verweist auf eine Werbung von Acatane, einem französischen Hersteller von Luxusfahrrädern, in der gleichen Zeitschrift. Dieser Werbeschriftzug benennt 33 adelige Benutzer des Luxusrads – als Gütekriterium für das Produkt. Unter den Namen befindet sich auch Baron de Coubertin. Selbst wenn Coubertin diese Zeitschrift nicht empfing, glaubt der Kölner Sporthistoriker, dass der Baron anderswo auf sie aufmerksam wurde.

Auch andere Vorlagen trugen wohl zur Entstehung des Ringe-Signets bei: Das Logo der 1890 gegründeten französischen Athletik-Union USFSA. Ihr Generalsekretär – Coubertin. Im Firmenzeichen des deutschen Stahlherstellers Krupp waren drei übereinander gelegte Ringe abgebildet. Da Krupp sich 1899 und 1900 an der Weltausstellung in Paris beteiligte, wird Coubertin auch dieses Symbol bekannt gewesen sein. Die zweiten Spiele der Neuzeit fanden in Paris zur Zeit der Weltausstellung statt.

Es scheint gesichert zu sein, dass der Herr der Ringe nur genial abkupferte. Dass er sie zum Olympiasymbol stilisierte, ist dennoch ein Segen für das IOC. Denn noch immer leiden die Spiele des IOC unter einem rechtlichen Manko. Die Begriffe Olympische Spiele oder Olympia sind nicht geschützt. Das Einzige, das weltweit unbestritten dem IOC gehört, sind die Olympischen Ringe. Sie sind heute das wichtigste Kapital des Franchise-Unternehmens am Genfer See. Coubertin ließ sie 1914, am 20. Jahrestag der Wiedereinführung der Spiele, bei einer IOC-Session in der Universität Sorbonne in Paris erstmals präsentieren. Bei den Spielen wurden sie erst 1920 in Antwerpen gezeigt, der Erste Weltkrieg verhinderte einen früheren Einsatz. Der brach nur wenige Tage nach der Präsentation aus. Es war ein unglückseliger Start für das Symbol, das heute noch für Frieden und Völkerverständigung steht.

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