Sport : Die Rückkehr der Durchbeißer

Anders als bei der WM 2006 schleppten sich die Deutschen durch das EM-Turnier. Der Sieg des schönen spanischen Fußballs ist für Joachim Löw eine Verpflichtung, seine Mannschaft weiter voranzutreiben

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt[Wien]

Eine letzte Frage musste an diesem Abend noch geklärt werden. Wer würde die beiden Doppelhalter in die Hand nehmen, mit denen die deutschen Nationalspieler den Dank an ihre Fans ausdrücken sollten? Vier Freiwillige wurden benötigt, drei fanden sich: David Odonkor, Lukas Podolski und Christoph Metzelder. Der Rest drückte sich. Auch Kapitän Michael Ballack hatte so kurz nach der bitteren Niederlage keine Lust auf diese Form des Dankeschöns und geriet deswegen sogar mit Teammanager Oliver Bierhoff aneinander. Harald Stenger, der Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes, leistete dann Amtshilfe. „Wenn man als Spieler so ein Finale verliert, bleibt die Enttäuschung ein Leben lang bestehen“, sagte Torhüter Jens Lehmann. „Das lässt sich nicht mehr gut machen.“ Zu Enthusiasmus bestand für die deutschen Spieler nach dem 0:1 gegen Spanien kein Anlass, allerdings hat es auch schon emotionalere Niederlagen gegeben. „Wir haben es geschafft, ins Finale zu kommen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Das ist auch was Besonderes.“

Was sich wie eine nachträgliche Beschönigung anhörte, war in Wirklichkeit ehrlich gemeint. Das Endspiel von Wien hatte ohne Zweifel den richtigen Sieger gefunden, und die Deutschen spürten, dass sie das Maximale aus ihren Möglichkeiten gemacht hatten. Einen einzigen Schuss brachten sie gegen die Spanier aufs Tor; seit 1990, als die Deutschen mit einem 1:0 gegen Argentinien den WM-Titel holten, hat es kein derart einseitiges Endspiel gegeben. „Wir können sehr zufrieden sein mit dem Turnier insgesamt“, sagte Löw. „Die Mannschaft hat Großartiges geleistet.“

Natürlich hat der Bundestrainer Recht – wenn er das Ergebnis meint. Aber genauso hat Löw Unrecht, wenn man sieht, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist. So hat die Europameisterschaft die Nation am Ende zwiespältig zurückgelassen. Der Einzug ins Finale versetzte das Land wieder in kollektive Partystimmung; die Hoffnung auf schönen, offensiven Fußball, die die Mannschaft seit der WM 2006 selbst geweckt und oft genug befriedigt hatte, wurde während des Turniers weitgehend enttäuscht. Im Grunde ist ihr in der ganzen Europameisterschaft nur ein einziges überragendes Spiel herausgerutscht: das Viertelfinale gegen Portugal. „Wir haben nicht immer die ganz hohe spielerische Qualität abgerufen“, sagte Löw. Aber wenn man die Entwicklung der Mannschaft betrachte, „dann sind wir in Europa schon ganz weit vorne“.

Bei dieser EM bestand die große Leistung der Mannschaft darin, dass die alten Reflexe noch funktionieren: dass sie in der Not eben doch noch typisch Deutsch sein kann wie im Halbfinale gegen die Türken und sich im Zweifel über ihre eigenen Schwächen einfach hinwegsetzt. „Es war ein ganz anderes Turnier als die WM 2006. Wir haben nie so den Schwung kreieren können, der uns durch das Turnier getragen hat“, sagte Christoph Metzelder. „Wir mussten uns hier durchkämpfen, durchbeißen.“

Im Grunde war es ein Ding der Unmöglichkeit, dass diese Mannschaft mit ihren strukturellen Problemen überhaupt das Finale erreichte. Vor zwei Jahren hatte sie eine starke Mittelachse: von Torhüter Jens Lehmann über die Innenverteidiger Per Mertesacker und Christoph Metzelder, das zentrale Mittelfeld mit Torsten Frings und Michael Ballack hin zu Miroslav Klose im Sturm. Lehmann, Mertesacker, Metzelder und Klose schleppten ihre Unsicherheit durch das gesamte Turnier, im Finale erreichte dann keiner der Führungsspieler die nötige Form. Nur Michael Ballack war wegen seiner Verletzung halbwegs entschuldigt.

Weniger gut veranlagte Spieler wie Klose oder Metzelder können nur dann der Mannschaft weiterhelfen und sie tragen, wenn sie in Vollbesitz ihrer körperlichen und mentalen Kräfte sind. Der sensible Stürmer Klose hat die schlechte Bundesliga-Rückrunde beim FC Bayern nie abstreifen können, Metzelder hatte bei Real Madrid erst gar keine. Es war nicht nur verwegen von Löw, an diesen Spielern festzuhalten und darauf zu setzen, dass sie sich die nötige Form und Praxis während eines Turniers holen. Weil es vorne und hinten nicht stimmte, konnte die Mannschaft nie auf Touren kommen.

Für die weitere Entwicklung der deutschen Mannschaft könnte es sich sogar als Segen erweisen, dass sie dieses Finale verdient verloren hat – gegen einen Gegner, der spielerisch überlegen war. Bundestrainer Löw leitete aus der Europameisterschaft und ihrem Ende den Ansporn ab, „in den nächsten beiden Jahren an einigen Dingen weiter zu arbeiten“. Der Sieg der Spanier, der Sieg des spielerischen Fußballs verpflichtet Löw geradezu, die Mannschaft auf dem Weg, den er ihr gewiesen hat, weiter voranzutreiben.

Eine Europameisterschaft ist immer auch so etwas wie eine Leistungsschau über die Trends im internationalen Fußball. Vor vier Jahren konterkarierte der Triumph der defensiven Griechen den Durchbruch des Offensivfußballs zu seiner vollen Entfaltung. Diese Fehlentwicklung wurde durch den Sieg der Spanier korrigiert. Ihr Trainer Luis Aragonés sagte, „dass Spanien ein Modell werden kann für den Fußball“. Die Deutschen jedenfalls sind bereit, diesem Modell zu folgen.

Diesen Weg wird die deutsche Mannschaft ohne Jens Lehmann gehen. Der 38 Jahre alte Schlussmann war nach dem Abpfiff noch einmal in sein Tor zurückgekehrt. Inmitten der festlichen Zeremonie für die Sieger mit König und Kanzlerin stellte Lehmann sich auf die Torlinie. Was machte er da, worauf wartete er? Jens Lehmann hatte sichtlich Schwierigkeiten, diese schweren Minuten irgendwie zu füllen. Es kam kein Ball mehr geflogen auf seinen Kasten. Als er das akzeptiert hatte, ging er auf den linken Pfosten zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen diesen. Fünf Minuten stand er so da. Es war sein persönlicher Abschied. Lehmann wusste vermutlich, dass es sein letztes Länderspiel war. Die Frage ist nur noch, ob er selbst das bekannt gibt oder ob Joachim Löw ihm diese Entscheidung abnehmen muss.

Die Feiern auf der Berliner Fanmeile: Seiten 3 und 7.

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