Sport : Die Rührung des Asketen

Armstrong steht zum siebten Mal in Paris ganz oben auf dem Podium – Winokurow holt den Etappensieg

Hartmut Scherzer[Paris]

Er hatte auf dem Rad schon ein Glas Champagner getrunken, aber 62 Kilometer vor dem Ziel musste Lance Armstrong noch einmal schnell reagieren. Vor ihm waren seine Teamkollegen Jaroslaw Popowitsch und George Hincapie in einer Kurve weggerutscht. Armstrong konnte gerade noch rechtzeitig stoppen, bevor er in die anderen hineingefahren wäre.

In Paris durfte Armstrong dann auf den Champs-Élysées beruhigt mitradeln: Das Gelbe Trikot wird auf der letzten Etappe traditionell nicht mehr angegriffen, und wegen der zahlreichen Stürze auf dem regennassen Asphalt wurde die Zeit für die Gesamtwertung schon nach der ersten von neun Stadtrunden in Paris gewertet. Von da an ging es nur noch um den letzten Etappensieg bei der 92. Tour de France. Den holte sich überraschend Alexander Winokurow vom T-Mobile-Team, der sich zwei Kilometer vorm Ziel mit Bradley McGee von den Sprintern im Feld abgesetzt hatte. Auf den letzten Metern ließ der Kasache dann auch noch McGee stehen. Es war sein zweiter Etappensieg bei dieser Tour und der dritte für T-Mobile.

Zu seiner letzten Einkleidung ins Gelbe Trikot brachte Lance Armstrong dann seine drei kleinen Kinder mit aufs Podium. Bei der Ehrung zu seinem siebten Triumph bei der Tour de France wurde der Amerikaner vom Zweiten, dem Italiener Ivan Basso, und dem Dritten Jan Ullrich flankiert. Als die US-Nationalhymne erklang, Lance Armstrong seine gelbe Kappe abnahm und die Hand aufs Herz legte, war die Rührung in seinem asketischen Gesicht unverkennbar. Dann ergriff er das Mikrofon, bot seinen beiden Podiumspartnern seinen Platz fürs nächste Jahr an und verabschiedete sich mit einem „Vive le Tour forever“.

Am Abend gab Armstrong noch eine private Abschiedsparty, zu der er auch Ullrich eingeladen hatte. Dort wollte er noch eine Rede halten, doch schon vor seiner letzten Etappe hatte er sein bisheriges Leben in drei Sätzen zusammengefasst: „Ich bin ein Kid aus Texas, das gelernt hat, schnell auf einem Fahrrad zu fahren. Ich habe eine lebensbedrohende Krankheit überstanden, um zurückzukommen und den härtesten Sportwettkampf der Welt zu gewinnen. I am a lucky guy.“

Nach seinem ersten Sieg 1999 habe er ganz schnell herausgefunden, dass „allein die Tour der Fokus für den Rest meiner Karriere sein wird“. Er liebe diesen Wettbewerb, „und ich hasse es, ihn zu verlieren“. Der erste Erfolg war das Wunder, die folgenden sechs Siege wurden zur Routine eines Besessenen, der mit demselben unbändigen Willen, mit dem er zuvor den Krebs bezwungen hatte, der Konkurrenz keine Chance ließ. US-Präsident George W. Bush teilte Armstrong gestern Abend per Telefon mit, seine Leistung sei „ein großer Triumph des menschlichen Geistes. Unser Land und die Welt sind unbeschreiblich stolz auf Sie.“

In fünfzig Jahren, hat Armstrong einmal gesagt, möge man sich an seinen Sieg gegen den Krebs erinnern und nicht daran, wie oft er die Tour gewonnen hat. Ende 1996 wurde bei ihm Hodenkrebs mit Metastasen im Kopf und in der Lunge diagnostiziert. Die Ärzte eröffneten ihm, die Wahrscheinlichkeit zu sterben sei größer als die zu überleben. Armstrong wurde operiert, unterzog sich Chemotherapien und überlebte. „Der Krebs war der Wendepunkt meines Lebens, als Radrennfahrer und als Mensch.“

Gestern ist Lance Armstrong für immer vom Rennrad gestiegen. „Ich wollte auf dem Gipfel abtreten. Das war der einzige Druck, den ich bei meiner letzten Tour verspürte.“ Und nun? „Ich brauche Ruhe und mein Privatleben. Ich werde die Tour nächstes Jahr vor dem Fernseher verfolgen. Denn 2006 wird sie sehr interessant.“

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