Sport : Die scheuen Nachfolger

Deutsche Volleyballer suchen vor EM im eigenen Land ihre Rolle

Felix Meininghaus

Berlin. Wer sich dafür interessiert, was es für deutsche Top-Volleyballer bedeutet, bei einer Europameisterschaft im eigenen Land anzutreten, der sollte sich bei René Hecht erkundigen. Der lange Kerl ist mit 385 Länderspielen Rekord-Nationalspieler und führte die deutsche Nationalmannschaft 1991 als Kapitän. „Wir fühlten uns damals wie Pioniere“, erzählt Hecht. Der Teamgeist wuchs enorm, Hecht und seine Kollegen spielten sich bis ins Halbfinale und landeten am Ende auf Rang vier.

Zwölf Jahre später versucht eine andere deutsche Mannschaft, bei der EM im eigenen Land möglichst gut auszusehen. Am 5. September beginnt die Europameisterschaft mit der Partie Deutschland gegen die Slowakei. Wie vor zwölf Jahren wird in Karlsruhe gespielt, doch diesmal sind die Siegchancen geringer als damals. Das deutsche Team ist seit den vierten Plätzen bei der EM 1991 und 1993 tief gesunken. Erst seitdem Stelian Moculescu Bundestrainer ist, geht es mit der Mannschaft aufwärts. Doch hohe Ansprüche können die Deutschen noch nicht stellen. Sechs der besten acht Teams bei der WM 2002 kamen aus Europa. Deutschland war nicht bei den Titelkämpfen – Moculescus Männer hatten sich nicht qualifiziert.

Trotzdem: Viel hat sich bewegt in den vergangenen Jahren. Dreimal ist die Auswahl bei der Weltliga angetreten und hat sich damit an das Niveau der Topstars herangetastet. Zudem verdienen die meisten Nationalspieler ihr Geld in den spielstarken Ligen Italiens, Frankreichs und Belgiens. Auch das ist eine Entwicklung, die Moculescu eingeleitet hat. Stefan Hübner, der Kapitän der deutschen Auswahl, ist in Italien zum blockstärksten Spieler gereift, in der Nationalmannschaft ist er Leistungsträger und Führungspersönlichkeit.

Doch Hübner wird gehandicapt durch Verletzungen. Momentan plagen ihn Rückenprobleme. Hübner hofft, bei der EM wieder fit zu sein. Ohne ihn würde es für die Deutschen noch schwerer. „Auf ihn würde ich ungern verzichten“, sagt Moculescu. Immerhin ist die Personalie Hübner derzeit das einzige Problem im deutschen Lager.

Moculescu sagt zufrieden: „Die Jungs lernen, unter Druck gut zu spielen.“ Früher scheiterten sie in solchen Momenten. Die Weltliga habe ihren Anteil daran, sagt Moculescu. Vor dem zweiten Heimspiel gegen Portugal in Leipzig habe die Mannschaft am Scheideweg gestanden. Moculescus Ansage nach der Niederlage am Tag zuvor: „Wenn ihr heute nicht gewinnt, könnt ihr die EM abschreiben.“ Die Mannschaft gab eine überzeugende Antwort und gewann.

Trotzdem sagt Hübner: „Wir können nicht sagen, wir gehen raus und hauen alle weg, aber wir sollten schon ein bisschen forscher und zuversichtlicher auftreten als zuletzt.“ Wie Rotwild, das sich langsam aus dem Unterholz traut, tasten sich die Volleyballer an einen Zustand verbaler Stärke heran. „Wir haben doch nichts zu verlieren“, sagt Außenangreifer Björn Andrae, „weil wir ja noch nichts gewonnen haben.“

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