Sport : Die Schleier von Suzuka

Michael Schumachers einmalige Leistungen rücken durch die unglücklichen Umstände seines Abschieds in den Hintergrund.

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Wo fährt er hin? Michael Schumacher weiß noch nicht, was er nach der Karriere machen will und ob er der Formel 1 etwa als Funktionär erhalten bleibt. Foto: dpa
Wo fährt er hin? Michael Schumacher weiß noch nicht, was er nach der Karriere machen will und ob er der Formel 1 etwa als...Foto: dpa

Es wurde schon allmählich dämmrig in Suzuka, als Michael Schumacher vor das versammelte Meer der Kameras und Mikrophone trat, um seine vorgefertigte Rücktrittserklärung zu verlesen. Dass so etwas kommen könnte, war klargeworden, als Mercedes kurzfristig den Medienplan änderte: Zunächst war nur der reguläre Donnerstagstermin mit dem inzwischen 43-jährigen Schumacher angekündigt worden. Dann aber war kurzfristig noch ein gemeinsamer mit Ross Brawn und Norbert Haug davor gelegt worden. Er ließ erahnen, dass da etwas Größeres anstand.

In den mehr als 25 Minuten, in denen sich die drei da auf dem Podium bemühten, eine Harmonie vorzuspielen, die ihnen im Publikum nur wenige abnahmen, blitzten noch einmal viele Erinnerungen an diese unvergleichliche Karriere auf; Highlights und Tiefpunkte, Triumph und Drama, Jubel und Diskussionen. Wie 1991 beispielsweise, dem ersten Auftreten eines schon sehr selbstbewussten Jungen aus Kerpen in der Formel 1. Den versammelten Medienvertretern beschied er damals vor seinem ersten Rennen in Spa, „eigentlich habe ich ja gar keine Zeit für euch“. Stattdessen setzte er seinen Jordan auf einen sensationellen siebten Startplatz. Dass er dann im Rennen wegen eines Kupplungsdefekts nicht einmal einen Kilometer weit kam, tat dem Eindruck der Experten keinen Abbruch. Da kommt einer, der ein ganz Großer werden kann – das war die einhellige Beurteilung.

1994 gewann Schumacher seinen ersten WM-Titel. Ein Titel, der schon vieles widerspiegelte, was seine ganze Karriere mit all ihren Triumphen nie los ließ: Überschattet von der Imola-Tragödie mit den tödlichen Unfällen von Ayrton Senna und Roland Ratzenberger, gefeiert für fahrerische Glanzleistungen, aber gleichzeitig umstritten wegen illegaler Komponenten an seinem Benetton. Und vollendet mit einem Crash gegen den einzigen Rivalen Damon Hill. Seinen Titel widmete er später Senna – eingeflüstert durch einen Berater aus der Medienwelt, um von der eigenen umstrittenen Aktion abzulenken.

Die einzigartige Schumacher-Karriere – da stehen über 300 Rennen in mehr als 20 Jahren, noch ein Titel für Benetton, dann fünf in Serie für Ferrari. Ein Rekord, vielleicht für die Ewigkeit, aber auch ewige Diskussionen um legale oder illegale Autos. Da stehen 91 Siege und 68 Pole-Positions, aber auch der versuchte Abschuss von Jacques Villeneuve im WM-Finale 1997 in Jerez oder das unsägliche „Parkmanöver“ 2006 im Qualifying von Monaco.

Und da stehen nun zwar die offiziellen Ehrerbietungen von allen Seiten; für eine komplette Lebensleistung. Doch wird unter der Hand auch immer wieder verständnisloses Bedauern im Fahrerlager geäußert, dass es jemand wie Michael Schumacher nicht geschafft habe, sich einen glanzvolleren, selbst bestimmten Abschied zu verschaffen. Den kleidete er zwar zusammen mit den Mercedes-Verantwortlichen jetzt doch noch einmal in schöne Worte. Doch lässt die Körpersprache der Beteiligten auf dem Podium vermuten, dass da nicht alles so harmonisch und im Einklang verlaufen sei, wie es scheinen sollte.

Er sei sich nicht mehr sicher gewesen, ob er noch einmal die Motivation finden könne, habe deshalb lange gezögert mit seiner Entscheidung, meinte Schumacher. Denn wenn er etwas tue, dann eben nur hundertprozentig. Und als sich für Mercedes mit Lewis Hamilton eine Alternative geboten habe, dann, so hätte man ihn zumindest interpretieren können, sei er ja vielleicht sogar ganz froh gewesen, dass ihm diese Entscheidung zumindest leichter gemacht worden sei.

Dass es womöglich doch ein bisschen anders war, dass der siebenmalige Weltmeister ganz gerne zumindest noch ein Jahr drangehängt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Dass der Rücktritt, „und diesmal wohl der endgültige“, wie er mit Blick auf sein temporäres Ende zwischen 2006 und das Comeback 2010 scherzend feststellte, für ihn unter den gegebenen Umständen das Richtige ist – zumindest zu dieser Einschätzung scheint er in den letzten Tagen gekommen zu sein.

Die Alternative eines verkrampften Weitermachens, eines weiteren Kampfes gegen zum Teil halb so alte Gegner, hat ihn nicht mehr gereizt. Eine gewisse persönliche Erleichterung und Entspannung wurde tatsächlich spürbar. Was er in Zukunft machen will, das weiß Michael Schumacher noch nicht, „dass ich Möglichkeiten in der Formel 1 habe, ist ja bekannt“. Gemeint ist vor allem ein möglicher Markenbotschafter-Vertrag bei Mercedes. Er werde jetzt erst einmal die letzten sechs Rennen zu Ende fahren und dann in Ruhe entscheiden.

Sebastian Vettel jedenfalls wird den Piloten Michael Schumacher, einst sein großes Vorbild, vermissen: „Es gibt viele Leute, die es gern gesehen hätten, wenn er weitergefahren wäre. Es war immer etwas Besonderes, gegen ihn zu fahren.“ So oder so ist Schumacher für Vettel „nach wie vor der Name in Deutschland, wenn es um die Formel 1 geht – wir anderen versuchen natürlich unser Bestes, da einigermaßen mitzukommen“.

Noch lebt sie in der Formel 1 fort, die Legende Michael Schumacher. Vielleicht auch deshalb kommt sein Rücktritt, der vorzeitige, gerade noch rechtzeitig.

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