Sport : Die Schweden von heute

Im EM-Finale demonstrieren die deutschen Tischtennisspieler die Überlegenheit ihres Systems

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Reifer Meister. Jörgen Persson, 45, steht für eine goldene schwedische Ära. Foto: dpa
Reifer Meister. Jörgen Persson, 45, steht für eine goldene schwedische Ära. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Immer noch der! Das muss sich Timo Boll gedacht haben, als ihm im Mannschaftsfinale der Tischtennis-Europameisterschaft in Danzig Jörgen Persson gegenüberstand. Der Schwede ist inzwischen 45. „Eigentlich hatte ich ihn 2005 in die Rente geschickt“, sagt Boll. Damals hatte Persson bei der WM in Schanghai früh gegen Boll verloren und ihm im Anschluss angekündigt: „Das war mein letztes Spiel.“ Sechseinhalb Jahre später ist Persson immer noch dabei.

Die Schweden brauchen ihn auf jeden Fall noch. Sie haben keinen Besseren. Als Persson noch auf dem Leistungshöhepunkt war, besiegte er gemeinsam mit Jan-Ove Waldner, Erik Lindh oder Peter Karlsson nicht nur die Deutschen, sondern im WM-Finale auch die Chinesen. Mittlerweile jedoch hat die einstige Tischtennis-Weltmacht Schweden keine Chance mehr gegen Deutschland, 0:3 musste sich Persson mit seinen Kollegen am Mittwochabend geschlagen geben.

Man kann dieses Ergebnis von zwei Seiten lesen. Von der Seite der Deutschen. Sie sind in Europa nicht mehr zu schlagen, der Titel war ihr fünfter in Serie. Hinter Ausnahmespieler Boll stehen mit Dimitrij Owtscharow und Patrick Baum zwei, die zu den besten in Europa gehören, ebenso der diesmal verletzte Christian Süß.

Oder man liest das Ergebnis von der Seite der Schweden. Sie müssen sich schon über Silber freuen. Denn eigentlich haben sie nach ihrer goldenen Generation den Anschluss verpasst. Der Wechsel an der Spitze erzählt auf jeden Fall einiges darüber, wie sich Tischtennis im vergangenen Jahrzehnt verändert hat. „Das schwedische Modell hat immer sehr stark auf Vereine aufgebaut“, sagt Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). Das hat auch damals gut funktioniert. In den Vereinen entwickelten die Spieler in langen Trainingszyklen ihre Form. Doch inzwischen bleibt dafür keine Zeit mehr. Die Zahl der Wettkämpfe hat zugenommen, wer in der Weltrangliste vorne mitspielen will, muss in Turnieren auf der ganzen Welt seine Punkte sammeln.

Als Erfolgsmodell taugt ein starker Verein nicht mehr. „Die Schweden haben sich von ihrem alten Vereinsmodell nie lösen können“, sagt Schimmelpfennig. Das neue Modell ist zum Beispiel in Düsseldorf zu finden, wo die besten deutschen Spieler trainieren. „Man braucht heute Synergieeffekte und professionelle Strukturen mit Physiotherapie. Nur so kann man eine hohe Qualität und Intensität erreichen“, sagt der Sportdirektor. In Düsseldorf befinden sich das Leistungszentrum des DTTB, der deutsche Rekordmeister Borussia Düsseldorf und der Olympiastützpunkt unter einem Dach. „Was dort geschieht, kann kein einzelner Verein leisten“, sagt Schimmelpfennig.

Die größte Herausforderung für die Deutschen komme nun aus Portugal. Zwei der besten Portugiesen trainieren schließlich in Düsseldorf und in Wien, dem anderen großen europäischen Zentrum. Das EM-Finale gegen Schweden war daher eher ein Stück Tischtennis-Nostalgie.

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