Sport : Die Seele auf dem Platz

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Von Oliver Trust

Stuttgart. Der Mann ist Optimist. Ein breites Lachen, ein weit offenes Hemd, kokettierendes Nicken. Boris Becker genoss in Stuttgart vor dem Weissenhof-Turnier die Rolle als Muntermacher für das schwächelnde deutsche Tennis und kritisierte seine Nachfolger, „die begreifen müssen, dass sie eine Mitverantwortung für das Marketing haben“. Zu wenig Emotion sei heutzutage im Spiel. „Der Zuschauer will sehen, dass die Spieler ihre Seele auf dem Platz lassen, dass sie alles geben, was sie haben.“ Tennis in Deutschland müsse sich mehr als Unterhaltungsbranche verstehen. „Schauen Sie die Formel 1 an, das Rennen ist das Uninteressanteste. Das Rahmenprogramm und die Art der Berichterstattung begeistern.“ Der dreifache Wimbledonsieger plauderte drauflos und vergaß dabei nie, sich als Mann von Welt zu präsentieren. Den Veranstaltern der vergleichsweise biederen deutschen Turniere empfahl er: „Es gibt viele Pausen im Tennis. Da gibt es viele Möglichkeiten, das zeigen Basketball und Football in den USA.“

Wie sehr die Tenniszuschauer sich nach einem Wandel sehnten, zeigten Schaukämpfe, die „gutes Tennis und Unterhaltung bieten“, sagte Becker. Über 10 000 Zuschauer in Halle und Hamburg seien Beleg dafür. Nach seinem Schaukampf gestern am Weissenhof gegen den früheren Daviscup-Kapitän CarlUwe Steeb tritt Becker am 25. August in Berlin auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß gegen Michael Stich an. Das Spiel steht unter dem Motto „Stich-Tag für Boris“. Die Einnahmen fließen in Steebs Projekt „Clean Winners“, das Kindern aus sozial schwachen Familien „einen Sport wie Tennis“ ermöglichen soll. Die ARD wolle aus Berlin live übertragen, sagte Beckers Sprecher Robert Lübenoff.

In den USA seien Journalisten mit in der Kabine, in der Formel 1 würden Fahrer kurz vor dem Start interviewt, sagte Becker. „Nur so kommt neues Leben ins Tennis. Eine Stunde spielen und dann heimgehen, das ist nicht genug.“ Unterstützung erfuhr Becker von Carl-Uwe Steeb. Dieser kritisierte die Spielergewerkschaft ATP, deren System des dichten Terminplanes und verbindlicher Verhaltensregeln Emotionen verhindere. „Wie bekommt man die Spieler dazu, Emotionen zu zeigen, das ist der Kern", sagte Steeb. Becker forderte die deutschen Veranstalter auf, die Kooperation fortzusetzen. „Wenn es gemeinsame Regeln gibt, was ein Spieler zu leisten hat, kann sich jeder danach richten.“

Stuttgarts Turnierdirektor Bernd Nusch kündigte derweil weitere Preisgeldkürzungen an, weil „wir keine TV-Einnahmen mehr haben". Rund 700 000 Euro fehlen dem Veranstalter, weil die Spiele nicht mehr live übertragen werden. Boris Becker indes soll helfen, das in seiner Existenz gefährdete Turnier am Hamburger Rothenbaum zu retten. Gespräche über seine Einbindung in die Veranstaltung laufen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte er. Der Mann ist eben Optimist.

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