Sport : Die Sekunden der Patrioten

Kurz vor Spielende entscheidet ein Fieldgoal zum 32:29 den Super Bowl zugunsten der New England Patriots

Ingo Wolff

Houston. Adam Vinatieri traute seinen Augen nicht. Der Kicker der New England Patriots schaute auf die Anzeigetafel im Reliant Stadium in Houston. Vier Sekunden standen noch auf der Uhr, und auch das Ergebnis zwischen seinen Patriots und den Carolina Panthers leuchtete in die Nacht: 29:29. Es war ein Moment, wie ihn ein Regisseur eines emotionsreichen Footballfilm nicht besser hätte schaffen können. Adam Vinatieri besaß einen letzten Versuch, den Ball zwischen die gelben Torstangen zum Sieg bringenden Fieldgoal zu schießen. Sein Schuss entschied darüber, ob sein Team Champion der National Football League werden würde oder beide Teams in eine Verlängerung gehen müssten. Doch der 31-Jährige kannte die Situation. Vor zwei Jahren hatte sich Vinatieri im Super Bowl Sekunden vor Schluss den Ball zurechtlegen lassen und mit einem Fieldgoal die drei Punkte zum Sieg gegen die St. Louis Rams erzielt.

Zwei vergebene Versuche

Nun stand Adam Vinatieri erneut an der 41-Yard-Linie und musste sich diesmal außergewöhnlich konzentrieren. Nicht nur, dass 71525 Zuschauer im Stadion und rund eine Milliarde Menschen am Fernseher gebannt auf die Flugbahn seines Balles schauen würden. Nein, der Druck auf ihn wuchs auch, weil er im ersten Viertel zwei Fieldgoal-Versuche aus kürzerer Distanz neben das Ziel gesetzt hatte. Doch diesmal machte er es besser. Diesmal landete der Ball zum 32:29 zwischen den Stangen und die Patriots waren zwei Jahre nach dem ersten Titel zum zweiten Mal Super-Bowl-Sieger.

Wer schon vor dem Finale der NFL geglaubt hatte, wegen der starken Verteidigungsreihen würde es zu einem punktearmen und langweiligen Abwehrduell kommen, sah sich in den ersten 25 Minuten bestätigt. Dann aber entwickelte sich schlagartig eines der spannendsten Finalspiele, das es in der NFL in den letzten Jahren gegeben hat. Besonders die letzten Minuten des zweiten Viertels mit 24 Punkten und das Schlussviertel mit 37 Punkten waren an Spannung kaum zu überbieten. Nachdem die beiden Quarterbacks, Tom Brady von den Patriots und Jake Delhomme von den Panthers, ihre große Angst vor dem alles entscheidenden Fehlpass abgelegt hatten, entwickelten sie exzellente Pässe und sehenswerte Spielzüge. Ausgerechnet Brady, der nach dem Sieg seiner Patriots auch zum wertvollsten Spieler des Finales (MVP) gekürt wurde, warf den einzigen echten Fehlpass. Für diese Interception entschuldigte er sich dann auch prompt: „Ich habe da wohl nicht den besten Wurf gemacht.“ Dieser Fehlschlag sieben Minuten vor Schluss führte nach einem gewaltigen Pass von Delhomme auf Muhsin Muhammad über 85 Yard direkt zum Touchdown zum 22:21 für Carolina und zu deren einziger Führung während des Spiels. So war sich Brady auch bewusst, dass es zu den großen Quarterbacks wie Joe Montana – trotz zweier Siege in so jungen Jahren – noch ein weiter Weg ist. „Joe Montana warf einen Touchdown zum Sieg, ich habe keinen Touchdown zum Sieg geworfen.“ Aber immerhin hat er sein Team mit seinen Pässen beim letzten Spielzug so dicht an die gegnerische Endzone gebracht, dass es Adam Vinatieri nicht mehr so schwer hatte, den Ball zu verwandeln.

Während Brady und Vinatieri mit diesem Sieg zu Footballhelden wurden, stand Jake Delhomme auf der anderen Seite als tragischer Held da. Der Spielmacher der Panthers hatte 68 Sekunden vor Schluss mit einem schnellen Spielzug den fast schon für unmöglich gehaltenen Touchdown zum Ausgleich erzielt. Doch zu einer Verlängerung kam es dennoch nicht. Die verbleibende Zeit reichte Tom Brady aus, um den Kicker noch einmal in die richtige Position zu bringen.

Flitzer in der Halbzeitpause

Während das Spiel zu den unterhaltsamsten der vergangenen Jahre gehörte, galt das für die große Show drumherum diesmal nicht. Die Halbzeitshow mit Janet Jackson, Justin Timberlake, Kid Rock, den Rappern Nelly und P. Daddy bekam nur wenig Beifall. Zum einen war sie zu laut und auch ein wenig zu uninspiriert. Wenn auch wieder einmal das minutenschnelle Auf- und Abbauen der effektvollen Bühne faszinierte. Vor dem Start der zweiten Halbzeit brachte ein Flitzer Aufregung unter die Zuschauer. Im Fernsehen war der Nackte aber nicht zu sehen, die NFL, die ihre Bilder selber produziert, ist um eine sauberes Image bemüht.

Beim Rahmenprogramm lag der emotionale Höhepunkt eindeutig vor dem Spiel. Das Singen der Nationalhymne wurde in diesem Jahr verbunden mit einer Ehrung der auf den Tag genau vor einem Jahr ums Leben gekommenen Astronauten des Space Shuttles Columbia. Dazu sang vor der Hymne der 22-jährige Bariton Gosh Groban zu den Bildern der Verstorbenen, der live im Stadion anwesenden Familien und der nächsten ins All startenden Crew den Song „You raise me up.“ Irgendwie passte es dann auch, dass die Patrioten das Spiel gewonnen haben.

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