• Die Selbstsicherheit der Münchner in der Champions League ist der Unsicherheit aus der Bundesliga gewichen

Sport : Die Selbstsicherheit der Münchner in der Champions League ist der Unsicherheit aus der Bundesliga gewichen

Martin Hägele

Es hat nicht mal eine halbe Stunde gedauert, bis aus Ottmar Hitzfeld nach dem Champions-League-Spiel wieder der feine Herr geworden war. Warum legte sich der Münchner Trainer in den letzten Minuten der Partie mit dem Uefa-Beobachter an, wieso passt er nach dem Schlusspfiff die Unparteiischen im Gang vor den Kabinen ab und sagt dem Schiedsrichter so laut die Meinung? Der Referee habe beim 1:1 zwischen Porto und den Bayern zu viele Gelbe Karten gezeigt, allerdings auf beiden Seiten, erklärte Ottmar Hitzfeld in der Pressekonferenz, und die Zuhörer in den blauen Kinosesseln schmunzelten. Man muss in diesem Geschäft auch Diplomat sein, und beim Deutschen Meister möchte niemand vor dem Rückspiel gegen den FC Porto Ärger mit dem Gegner und der Uefa haben.

Am meisten aber hat sich Ottmar Hitzfeld über seine Mannschaft geärgert, weil die sich von den unzähligen kleinen Fouls provozieren und so aus dem Rhythmus bringen ließ. "Die haben uns eingeschläfert," hat Oliver Kahn gesagt. Das "halbleere Stadion" hätte die "Atmosphäre eines Freundschaftsspiels" vorgespielt. Der schwache Stürmer Giovane Elber: "Ich war in der ersten Halbzeit überhaupt nicht auf dem Platz, ich bin zur Halbzeit eingewechselt und dann nach 20 Minuten ausgewechselt worden."

Der brasilianische Torjäger ist erst kurz danach aus seiner geistigen Abwesenheit erwacht. Als sich Manager Uli Hoeneß und Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge über die schlechte Vorstellung Elbers unterhielten, nicht ahnend, dass der direkt hinter ihnen stand, da befand sich der sonst immer lustige Brasilianer mitten in der rauhen Wirklichkeit. "Elber muss mehr zeigen, wenn er Stammspieler bleiben will", hat der Trainer in der Mitternachtsrunde mit den Reportern gesagt. Peng - dieser Schlag saß. Es wird wieder mehr knallen beim FC Bayern, und für die Reizpunkte werden Hitzfeld, Hoeneß und Rummenigge in den nächsten Tagen garantiert sorgen.

Nach den Gala-Nächten mit Real Madrid hatten die Effenberg und Co. geglaubt, man brauche nur das Flutlicht anzuschalten und schon sei die Selbstsicherheit aus der Champions League wieder da. Hitzfeld: "Jeder dachte, wir gewinnen hier 4:0." Doch die Verunsicherung der letzten Bundesligaspiele (eine Niederlage, drei Unentschieden) steckt tiefer drin, als die große Bayern-Familie das wahrnehmen wollte. Porto hat gezeigt, auf welch schmalem Grat die Meister gerade balancieren. Effenbergs blitzschnell ausgeführter Freistoß in den Lauf Sergios, der zum 1:1 vollendete, hat die Lage für München entscheidend verbessert. "Es spricht für unsere Klasse, dass wir aus dem Nichts heraus das 1:1 machen", hat Effenberg erklärt. Doch bis auf diesen einen entscheidenden Ball waren auch seine Pässe meistens am falschen Ort oder beim verkehrten Mann gelandet.

Einige beim FC Bayern hätten sich in dieser Nacht ihren alten Libero zurückgewünscht. Nicht, weil Lothar Matthäus eine Verstärkung gewesen wäre. Aber plötzlich fehlt die Reizfigur. Der Typ, an dem sich die andern reiben konnten. Seit Matthäus weg ist, liegen sich alle nur noch in der Armen. Und das gerade in einer Phase, "wo du in jedem Spiel den offenen Schlagabtausch suchen musst", so Rummenigge. Es könnten noch zwölf Mal sein. Sieben Bundesligaspiele, das Cup-Finale, und in der Champions League vier Partien. Im Falle Manchester und Werder Bremen sorgen die Bilder vom letzten Mai für mehr als genug Emotionen. Fürs Bundesliga-Finale aber will nun Rummenigge den Provokateur spielen. "Ich habe keine Lust, dass der Herr Daum in Unterhaching, an der Peripherie von München, Deutscher Meister wird." Irgendein Teufel an der Wand muss seine Mannschaft ja aufwecken.

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