Sport : Die Show nach der Show

Nach Hoyzers medienwirksamem Reinigungsversuch geht es weiter: Ein neuer Manipulationsverdacht taucht auf, die Staatsanwaltschaft greift Wettanbieter Oddset an – und der DFB sich selbst

Helmut Schümann[Hamburg]

An der Ecke, wo in Hamburg die Rothenbaumchaussee auf die Hallerstraße trifft, hat die Stadt einen Fahnenmast aufgestellt und daran die Flagge des Hamburger SV hochgezogen. In unmittelbarer Nähe befand sich in früheren Jahrzehnten die Geschäftsstelle des HSV, hier haben sich einst ehrenwerte Spieler wie Uwe Seeler umgezogen. Am frühen Dienstagabend fand der Fahne gegenüber im Multi Media Centre eine Episode des modernen, sehr unromantischen Fußballs statt. Robert Hoyzer, der betrügerische Schiedsrichter, der nicht zuletzt dem HSV mit dem verschobenen Pokalspiel schweren Schaden zugefügt hat, war zu Gast bei Johannes B. Kerner.

Was er zu sagen hatte, respektive sagte, war in der Sache wenig aufklärerisch, erhellend nur in dem Punkt, dass sich der junge Mann auch in der dritten Woche des Skandals um manipulierte Fußballspiele der Tragweite nicht bewusst zu sein scheint und es auch an Reue missen lässt. Eine Entschuldigung bei allen Schiedsrichtern, die durch sein Verhalten kollektiv in Misskredit geraten sind? Keine Silbe davon. Für die Öffentlichkeit neu war lediglich ein zuvor bereits bei der Staatsanwaltschaft erhobener Vorwurf gegen den Torwart Marco Eckstein, der im Mai des vergangenen Jahres beim Regionalligaspiel zwischen Sachsen Leipzig und Dynamo Dresden (1:3) im Tor der Leipziger absichtlich daneben gegriffen habe. Eckstein bestreitet den Vorwurf vehement, die Staatsanwaltschaft hat dennoch die Ermittlungen aufgenommen.

Am Tag nach seinem fehlgeschlagenen medialen Reinigungsversuch, durfte/musste Robert Hoyzer gleich weiterreden. Der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Rainer Koch, vernahm ihn knapp vier Stunden lang. Inhalte wurde zunächst nicht bekannt, und so kann nur spekuliert werden, ob folgendes Detail zur Sprache kam: Entgegen seiner Aussage im Fernsehstudio, er sei vor einem Dreivierteljahr in die Manipulation von Fußballspielen eingestiegen, soll Hoyzer bereits im November 2003 ein Angebot erhalten haben. Hoyzer sollte demnach das Regionalliga-Spiel Chemnitzer FC – Sachsen Leipzig (1:1) manipulieren. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Hoyzers Anwalt habe das Angebot nach Rücksprache mit seinem Mandanten eingeräumt. Hoyzer habe ihm gesagt, er hätte das Spiel nicht manipuliert. Später seien trotzdem 500 Euro auf seinem Konto eingegangen.

Aber es waren gestern noch weitere interessante Details zu erfahren. Die Staatsanwaltschaft etwa hat sich nun in den Streit zwischen der staatlichen Lotteriegesellschaft Oddset und dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eingeschaltet, wer wen, wann und wie umfangreich über den Manipulationsverdacht informiert hat. Oddset hatte bislang behauptet, die Berliner Kriminalpolizei im August „zeitnah und vollumfänglich über Auffälligkeiten informiert“ zu haben. Laut Staatsanwalt Michael Grunwald stellt sich das etwas anders dar: „Eine schriftliche Strafanzeige ist durch die DKLB (Deutsche Klassenlotterie Berlin, d. Red) zu keinem Zeitpunkt erstattet worden.“ Die „unübliche und unverständliche Informationspolitik der DKLB“ habe im Gegenteil „mindestens vier Monate verhindert, dass die wahren Sachverhalte erkannt wurden“.

Engelbert Nelle sucht dagegen die Schuld in seinem Verband. Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) machte Generalsekretär Horst R. Schmidt und Chefjustiziar Goetz Eilers verantwortlich. Sie hätten bereits im August 2004 von dem Manipulationsverdacht gewusst, aber erst am 24. Januar dieses Jahres „den Oddset-Brief auf den Tisch gelegt“, erklärte Nelle in der „Sport-Bild“. Auf die Frage, ob der DFB geschlafen habe, antwortete Nelle: „Die Teile des DFB, die diese Information nicht weitergegeben haben – ja.“ Der 71-Jährige behauptet, dass aus Rücksicht auf Oddset eine Warnung der Staatlichen Lotterieverwaltung in München nicht weiter verfolgt worden sei. Als Motiv nannte Nelle, dass Oddset nicht als nationaler Förderer der WM 2006 verprellt werden sollte. „Oddset hat uns damals auf Nachfrage gebeten, nichts zu unternehmen. Das ist von uns auch versprochen worden“, erklärte Nelle. Die Staatliche Lotterieverwaltung Bayern bestreitet dies: „Eine derartige Äußerung hat es von unserer Seite nie gegeben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben