Sport : Die siegenden Verlierer

Trotz des siebten Saisonerfolgs hat McLaren-Mercedes kaum noch WM-Chancen

Frank Bachner[Monza]

Norbert Haug saß in einem kleinen Konferenzraum in der mobilen Teamzentrale von McLaren-Mercedes, er spielte mit dem Verschluss einer Mineralwasserflasche. Das war zwei Stunden nach dem Großen Preis von Italien in Monza, den Haugs Untergebener Juan Pablo Montoya gewonnen hatte. Es war der zweite Saisonsieg des Formel-1-Piloten aus Kolumbien und der siebte Sieg für McLaren-Mercedes; Montoya hatte auf der Poleposition gestanden und von der ersten Runde an geführt, sein Teamkollege Kimi Räikkönen hatte sich von Platz elf auf Platz vier vorgekämpft und war die schnellste Runde gefahren. Trotzdem musste sich Norbert Haug, der Motorsportchef von Mercedes, fragen lassen: „Sind Sie jetzt enttäuscht?“ Da schob Haug das Kinn vor, seine Augen wurden schmal: „Wir haben gewonnen, weshalb sollte ich enttäuscht sein?“

Weil Kimi Räikkönen gerade so gut wie sicher den WM-Titel verloren hatte. 27 Punkte Rückstand auf den in der WM führenden Renault-Piloten Fernando Alonso wird der Finne in vier Rennen kaum noch aufholen. Wieder einmal wurde Räikkönen von der Technik bezwungen; diesmal zwangen ihn Reifenprobleme zu einem zusätzlichen Boxenstopp. McLaren-Mercedes, die siegenden Verlierer, das ist der Eindruck, der bleibt. „Drei Motorenwechsel haben Kimi elf Punkte gekostet, keine Frage“, sagt Haug. Jedesmal wurde Räikkönen zehn Startplätze zurückgestuft. Auch in Monza. Da ging ein Ventil kaputt, „ein Massenartikel“, sagt Haug. „Wir müssen einfach in allen Punkten dauerhaft höchste Qualität liefern. Wir haben bei der Zuverlässigkeit enorm zugelegt, aber noch keine Trefferquote von 100 Prozent.“

Kimi Raikkönen war zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden. Er hatte sich selber ans Steuer einer Limousine gesetzt und war davongefahren. „Ich werde trotzdem noch weiter um den WM-Titel kämpfen. Aber ich bin schon sehr enttäuscht“, hatte er als Abschiedsnachricht hinterlassen. Die Verantwortlichen bei McLaren- Mercedes sind in der fast absurden Situation, dass sie trotz eines überragenden Fahrzeugs Verteidigungsreden halten und Erklärungsversuche liefern müssen. „Wir haben ein sehr kompliziertes Getriebe“, sagt Haug. „Da geht man ans Limit. Aber wenn man das nicht macht, hat man keinen Speed.“ Mit 372 Kilometern pro Stunde raste Montoya beim Testen über die Strecke in Monza, 370 Stundenkilometer erreichte Räikkönen im Rennen.

Doch diese Arbeit am Limit ist offenbar gerade das Problem von McLaren-Mercedes. Hydraulikprobleme, eine kaputte Antriebswelle, kaputte Ventile, andere technische Probleme – das prägt das Bild in dieser Saison. Die Autos von Renault sind momentan zwar deutlich langsamer als die von McLaren, fallen aber praktisch nie aus. Nur zweimal kam Alonso in dieser Saison nicht ins Ziel, einmal davon in Indianapolis, als Renault wie alle Teams mit Michelin-Reifen aus Sicherheitsgründen nicht startete. Räikkönen hatte nicht bloß drei Motorenwechsel, er fiel auch noch dreimal aus. „Es ist schon abenteuerlich, was ihm passiert“, meinte auch BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. „Das reicht für eine ganze Karriere.“

Eine Frage muss daher erlaubt sein: Geht McLaren-Mercedes vielleicht zu viel Risiko im Kampf um den Titel ein? Sechs Runden vor Ende des Rennens begann sich der linke Hinterreifen von Juan Pablo Montoya aufzulösen. „Wenn das Rennen noch eine Runde länger gedauert hätte, dann hätte ich gewonnen“, sagte Alonso. Schwer zu sagen, wie lange der Reifen noch gehalten hätte. Aber in der letzten Runde des Rennens auf dem Nürburgring im Mai war zu sehen, was passiert, wenn ein Reifen nicht hält. Räikkönen lag in Führung, als die rechte Vorderradaufhängung wegen eines lädierten Reifens brach. Der Finne verursachte einen spektakulären Unfall und wäre beinahe in den BAR von Takuma Sato gekracht.

In Monza hatte Montoya das Gleiche gedroht. Aber Haug sagt: „Es stand nie zur Diskussion, ihn an die Box zu holen.“ Ganz im Sine des Kolumbianers offenbar. „Hatten Sie Angst, dass so etwas wie auf dem Nürburgring passiert“, wurde er gefragt. Montoya stützte seinen Kopf auf die Hand, dann sagte er knapp: „Nein.“

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