Sport : Die Siegmaschine

Im Team US Postal müssen alle nur für einen fahren: den fünffachen Tour-Sieger Lance Armstrong

Sebastian Moll

Quimper L’Alpe d’Huez 2003: Die Spitzengruppe der Tour de France geht auf der schwersten Etappe der Alpen bei Bourg d’Oisans in den Schlussanstieg des Tages. Wie erwartet, eröffnet die Mannschaft von Lance Armstrong das Finale die 21 Kehren zur Skistation von Huez hinauf. Allen voran Manuel Beltran, den Armstrong in jenem Frühjahr von der Konkursmannschaft Team Coast verpflichtet hat. Nur Meter nachdem die Passstraße sich von der Talebene entfernt, geht Beltran aus dem Sattel, zieht mit aller Kraft am Lenker und schießt dem Gipfel entgegen, als kenne er keine Schwerkraft.

Das mörderische Tempo am Fuß des Berges kann nur Armstrong selbst halten: Beltran hängt nicht nur den Rest des Feldes ab, sondern auch den Rest seiner eigenen Mannschaft. Wichtige Männer wie Roberto Heras und Cechu Rubiera, die Armstrong im Finale eigentlich gerne um sich hat. Als einige Kilometer weiter oben der Endkampf zwischen den Favoriten beginnt, ist Armstrong isoliert. Und deshalb fängt Beltran sich von seinem Chef einen öffentlichen Rüffel ein: „Es scheint so, als würde Beltran das System unserer Mannschaft noch nicht so richtig begreifen“, sagt Armstrong.

Es war einer der wenigen Momente in den vergangenen fünf Jahren, in denen Armstrongs Mannschaft nicht wie eine perfekt abgestimmte Siegmaschine funktionierte. Zusammen mit Johan Bruyneel, dem jungdynamischen Teamchef von Postal, den Armstrong noch als Kollegen und Konkurrenten kennt, hat der US-Amerikaner ein dichtes taktisches System entwickelt. Nicht nur an Armstrong selbst, sondern auch an seiner Mannschaft verzweifeln die Konkurrenten. Keiner im Feld kann auch nur Zucken, ohne dass er von einem Postal-Fahrer beobachtet wird. Gefährliche Attacken werden im Ansatz erstickt oder gnadenlos niedergerungen.

Das oberste Prinzip von Armstrongs und Bruyneels Führungsstil ist die Kompromisslosigkeit und Geradlinigkeit. Es gibt nur ein Ziel in dieser Mannschaft, und das ist der Gesamtsieg. Nicht ein Pedaltritt während der 3500 Kilometer durch Frankreich wird geduldet, der nicht diesem Ziel dient: „Wir verschwenden keine Energien“, sagt Floyd Landis, der seit 2002 zur Mannschaft gehört.

Johan Bruyneel und Lance Armstrong operieren im Stil moderner Unternehmensberater, Effizienz und Effektivität sind ihre obersten Handlungsmaximen. Rücksicht auf Empfindsamkeiten gibt es nicht; jede Konvention des Sports wird hinterfragt und wird auf ihre Tauglichkeit für den Radsport des 21. Jahrhunderts abgeklopft.

Immer wieder wird etwa Lance Armstrong von Traditionalisten dafür kritisiert, dass nicht nur er, sondern seine komplette Mannschaft die Radsportsaison vor und nach der Tour völlig ignoriert. Insbesondere Eddy Merckx findet etwa, dass dieses Vorgehen den Sport pervertiere. Merckx selbst fuhr in den Siebzigerjahren von Februar bis Oktober Woche für Woche Rennen. Miguel Indurain fing zu Beginn der Neunzigerjahre damit an, sich nur auf die Tour zu konzentrieren, das Rennen mit dem sportlich höchsten Stellenwert und dem wirtschaftlich größten Ertrag. Armstrong treibt diesen Trend auf die Spitze, indem seine komplette Mannschaft sich ausschließlich auf die Tour vorbereitet – Erfolge bei anderen Rennen sind Beiwerk.

Die Fahrer von Armstrongs Mannschaft sind einzig und allein Funktionsträger. George Hincapie etwa, der engste Vertraute Armstrongs, ist ein Weltklassesprinter. Doch seine Ambitionen auf einen Etappensieg bei der Tour oder gar das Grüne Trikot hat er schon lange aufgegeben. Er weiß, dass dafür bei Postal kein Platz ist, und hat sich dafür entschieden, lieber erster Helfer des Tour-Siegers zu sein, als selbst einmal einen Tag des Ruhms zu genießen. Einen Erik Zabel, der innerhalb des Teams T-Mobile auf eigene Rechnung um Etappensiege fährt und Energien vom Hauptziel, dem Gesamtsieg des Kapitäns, abzieht, gibt es bei US Postal nicht. Fahrer mit persönlichen Zielen, wie etwa Tyler Hamilton, der jetzt für das Team Phonak fährt, haben sich deshalb von US Postal getrennt.

Doch mechanisch ist das System Armstrong bei aller Stringenz trotzdem nicht. Von Hincapie und dem zweiten Mann des engsten Kreises, dem Russen Wjatscheslaw Ekimow, erwartet Armstrong nicht bloß Tretkraft. Er verlässt sich auf ihre langjährige Erfahrung: „Ich könnte nur ganz schwer auf sie verzichten. Sie riechen es, wenn sich im Feld etwas zusammenbraut, und reagieren sofort.“

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