Sport : Die Solide

Anca Barna hat sich ganz langsam nach oben gekämpft – zurzeit ist sie Deutschlands beste Tennisspielerin

Stefan Hermanns

Berlin. Deutschlands beste Tennisspielerin genießt gewisse Privilegien. Bei den German Open zum Beispiel darf sie das Eröffnungsspiel auf dem großen Centre Court bestreiten. „Das ist immer was Besonderes“, sagt Anca Barna. Für sie ist das alles noch recht ungewöhnlich: die Nummer eins des deutschen Tennis zu sein, ebenso wie auf dem Centre Court zu spielen. „Und das Wetter ist auch sehr schön", sagt Barna. Da macht es nichts, dass bei ihrem 6:4, 6:2-Sieg gegen die Spanierin Anabel Medina Garrigues gerade mal selbst gezählte 187 Zuschauer auf den 7000 Stühlen rund um den Platz sitzen. „In den ersten Tagen ist das normal“, sagt Barna, auf einem großen Court sehe das dann eben extrem leer aus. „Wenn das Spiel auf einem kleineren Platz gewesen wäre, wären das gar nicht so wenige Zuschauer gewesen“, sagt sie.

Mit kleinen Plätzen kennt Anca Barna sich aus. Da spielt sie normalerweise, obwohl sie derzeit als beste deutsche Tennisspielerin geführt wird und damit so etwas ist wie die Nachfolgerin von Claudia Kohde, Sylvia Hanika und Steffi Graf. Eigentlich sagt das alles über den aktuellen Wert des deutschen Damentennis. Barna liegt in der neuen Weltrangliste auf Platz 73, und wenn sie als deutsche Hallenmeisterin vom Veranstalter keine Wild Card für die German Open bekommen hätte, hätte sie sich sogar durch die Qualifikation quälen müssen. Immerhin: Von den drei Deutschen, die schon gestern gespielt haben, ist sie die Einzige, die in die zweite Runde einzieht.

Anca Barna ist wahrscheinlich die unbekannteste Nummer eins, die das deutsche Damentennis je gehabt hat. Schon seit 1992 spielt sie auf der Tour, und die meiste Zeit hat sie sich zwischen den Plätzen 150 und 300 bewegt. Erst in den vergangenen beiden Jahren ist es ein bisschen nach oben gegangen, zunächst unter die besten hundert der Welt, dann knapp an die Top 50 heran. Ihr Spiel gegen Medina Garrigues war so etwas wie eine Kurzfassung ihrer gesamten Karriere: Der erste Satz dauerte fast eine Stunde, zweimal ging Barna mit einem Break in Führung, zweimal verlor sie gleich anschließend ihren eigenen Aufschlag. Bei der gebürtigen Rumänin, die als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland geflohen war, ist alles leidlich solide, ein bisschen unspektakulär und manchmal auch etwas zäh.

„Tennis geht heute sehr viel über das Körperliche“, sagt Anca Barna. Sie hat sehr dünne Arme. Ihre 55 Kilogramm Gewicht verflüchtigen sich auf 1,75 Meter Körpergröße. In der Pressekonferenz wird sie nach Krafttraining und richtiger Ernährung gefragt. Sie antwortet, dass sie im letzten Jahr sehr viel im körperlichen Bereich gemacht habe, aber das sei auch eine Veranlagungssache. „Ich werde wahrscheinlich nie so aussehen wie Venus Williams, egal wieviel Krafttraining ich mache.“

Nächste Woche wird Anca Barna 26. Schon ihres Alters wegen geht sie nicht mehr als die große deutsche Tennishoffnung durch. Aber weil es im Moment auch keine junge große deutsche Tennishoffnung gibt, spürt Barna, dass sich das Augenmerk stärker auf sie richtet. „Sicherlich ist mehr Druck da“, sagt sie. „Früher konnte ich locker spielen, da hat das niemanden interessiert.“ Inzwischen sind es immerhin 187 Leute.

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