Sport : Die Sonnabendmesse

Das Hörbuch „Oh, wie bist du schön“ erinnert an 50 Jahre Sportschau.

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Institution. Lange Zeit war die Sportschau für den Fußballfan essentiell. Foto: promo
Institution. Lange Zeit war die Sportschau für den Fußballfan essentiell. Foto: promo

Berlin - Die Mission war klar formuliert. Eine Melodie, die einen vor den Bildschirm zwingt, sollte es werden. „Dieter, stell dir vor du sitzt auf der Toilette, und jetzt kommt die Erkennungsmelodie, und du musst in 15 Sekunden vor dem Schirm sitzen.“ Mit diesen Worten hatte der damalige Sportschau-Chef Heribert Faßbender den Auftrag erteilt – und Dieter, Nachname Bohlen, lieferte: Dicke Trommeln, Keyboard-Fanfaren, kräftig Hauruck!

Jahrelang eröffnete Dieter Bohlens knapp viertelminütige Klangkunstminiatur die Sportschau. Später experimentierte man bei der ARD mit Drum’n’Bass, nachdem man in den Sechzigerjahren noch mit Big-Band-Jazz gestartet war. Heute rummst es wieder zum Beginn jeder Show. Trotzdem gilt Bohlens Beitrag vielen Fans der Sportschau, die in ihren 50 Jahren nicht nur für die Autoren zu einer „Institution wie die Sonntagsmesse, Heino, Currywurst und Franz Beckenbauer“ wurde, nach wie vor als ungeschlagen.

Die wechselnden Titelmelodien sind allerdings nur ein Aspekt, dem sich die Journalisten Christian Bärmann und Martin Maria-Schwarz in ihrem Feature „Oh, wie bist du schön – Das beste aus 50 Jahren Sportschau“ widmen. In gut 75 Minuten präsentieren beide radebrechende und knallharte Interviews, erinnern an Addi Furlers Begeisterung für den Pferdesport im Allgemeinen und den Hengst Acatenango im Besonderen. Dazu hört man Spielkommentare, die sich gegen das heute übliche Begeisterungsgeschrei ausnehmen wie Grabreden. Am schönsten sind jedoch die Zeugnisse von heute kaum noch verständlichen Ritualen wie dem minutenlangen Verlesen der Zahlenreihen zum Spiel 6 aus 45 („1-13-17-19-33-35-Zusatzspiel 24“) oder dem Rennquintett mit Pferdetoto („3-15-8-7-16-13“) und Pferdelotto („16-14-18-5-1-2“). Zeitzeugen werden schmunzeln, Spätgeborene ratlos lächeln.

Technisch muss sich die Produktion nichts vorwerfen lassen. Die Musikeinsätze sind auf den Punkt, die O-Töne schnell geschnitten. Präsentiert werden die Ausschnitte nie ohne Ironie, aber auch immer mit Herzlichkeit, weshalb das Feature nie beim überheblichen Klamauk landet wie manch frühere Produktion des Autoren-Duos. In „Spieler schwach wie Flasche leer“ beispielsweise soffen die gesammelte Fußballersprüche in dem vor Sarkasmus triefenden Kommentar glatt ab. Dass das diesmal nicht passiert, mag auch daran liegen, dass der WDR-Sportchef Steffen Simon höchst persönlich den Vorleser macht. Ein Job, den er, obwohl seine Befähigung als Kommentator von Fußballspielen unter Fans mindestens berüchtigt ist, hervorragend erledigt.

Es bleibt eine amüsante Hommage an die Sendung, die nicht nur als Hort der Sportberichterstattung Bestand hat, sondern dank Ex-Moderator Hans-Joachim Rauschenbach auch als Lehrstunde in Existenzialismus („Beim Glück gibt es nur ein Gewissheit: Wenn man es braucht, hat man es nicht.“) und interpretationsoffene Eheberatung funktionierte („Spielen Sie ein bisschen Doppelpass mit ihrer Frau, dabei kann man auch wichtige Pluspunkte gewinnen“).

Christian Bärmann & Martin Maria Schwarz: „Oh, wie bist du schön – Das Beste aus 50 Jahren Sportschau“, Der Hörverlag, 2011, 1 CD, 74 Minuten, 12,99 Euro.

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