Sport : Die Sonntagsfrage

Auch die deutschen Biathleten sollen erklären, ob sie zum Blutdoping in Wien waren

Robert Ide[Friedhard Teuffel],Michael Neudecker[Ruhpolding]

Der Rollenwechsel ist Sven Fischer noch nicht ganz gelungen. Eigentlich ist der mehrfache Biathlon-Olympiasieger jetzt Journalist, er kommentiert Wettkämpfe für das ZDF. Als Journalist betrat er auch am Donnerstag das Pressezentrum beim Weltcup in Ruhpolding, um sich über das derzeit brisanteste Thema des Wintersports zu informieren: die Doping-Ermittlungen gegen die Wiener Blutbank „Humanplasma“. Doch auf einmal war Fischer wieder Sportler und sollte seinen neuen Kollegen über seine alten Kollegen berichten. „Ich kann nicht für jeden da draußen die Hand ins Feuer legen“, sagte Fischer, „bei den deutschen Athleten habe ich schon ein gutes Gefühl. So lange ich trainiert habe, ist mir keiner aufgefallen, aber zu hundert Prozent kann ich das nur von mir selbst sagen.“

Die Biathleten sind in Erklärungszwang geraten, weil in der Wiener Blutbank 50 bis 60 Sportler aus den Disziplinen Biathlon, Ski-Langlauf und Radfahren Kunde sein sollen. Das österreichische Gesundheitsministerium ermittelt gegen „Humanplasma“, nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eine Anfrage gestellt hatte. „Wir bekommen regelmäßig Verdachtsmomente mitgeteilt, und es ist unsere Pflicht, sie weiterzuleiten“, sagte Wada-Sprecherin Elizabeth Hunter.

In den Mittelpunkt ist nun eine Sonntagsfrage gerückt: Ist Athleten sonntags Blut abgenommen worden, um es ihnen später wieder zu infundieren, sonntags, wenn der Betrieb im Institut ruht? Das war erst die einzige Möglichkeit, wie sich „Humanplasma“-Geschäftsführer Lothar Baumgartner die Vorwürfe erklären konnte. Gestern sagte er dann dem Tagesspiegel: „Nur fünf Leute haben Zugang zu den Räumen. Alle haben glaubhaft versichert, sonntags nie dagewesen zu sein.“ Er selbst sei ebenfalls sonntags nie im Institut gewesen.

Baumgartner hat daher inzwischen eine andere Erklärung dafür gefunden, warum sein Institut überhaupt in Verdacht geraten ist: Sein Institut hatte bei einer Firma Blutbeutel bestellt. „Diese Serie bestand insgesamt wohl aus mehreren hundert Stück, zwanzig davon sind an uns geliefert worden. Einen aus dieser Serie von mehreren hundert hatte die italienische Polizei gefunden“, sagte Baumgartner. Er meint damit die Razzia der italienischen Polizei in einem Quartier der österreichischen Biathleten bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin.

Die Polizei hatte damals Instrumente zum Blutdoping sichergestellt wie auch mehrere Blutbeutel. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sprach daraufhin Sperren und Geldstrafen gegen die Österreicher aus. Nach Informationen des Tagesspiegel fanden sich in den Untersuchungsakten Hinweise auf einen Handel mit Dopingmitteln und Ausrüstungsgegenständen zur Manipulation. Demnach seien Geräte in Österreich, allerdings nicht in Wien, gekauft worden, die sich zum Dopen eignen und nicht auf dem freien Markt erhältlich sind.

IOC-Vizepräsident Thomas Bach, der die Untersuchungen nach der Razzia geleitet hatte, wollte sich auf Nachfrage nicht zu einem möglichen Zusammenhang zwischen der Wiener Firma und dem Turiner Skandal äußern. Allerdings sagte er: „Auf jeden Fall ist klar, dass im Zuge der Ermittlungen der Turin-Affäre eine Vielzahl von Gegenständen sichergestellt und auf ihre Herkunft überprüft worden sind.“ Bach wollte weitere Enthüllungen nicht ausschließen: „Aufgrund der Aktenlage kann ich den österreichischen Behörden nur empfehlen, eng mit ihren italienischen Kollegen zu kooperieren.“

Sven Fischer will die Vorwürfe nicht unterschätzen: „Bei Blutdoping kann sich keiner rausreden. Bei allen anderen Sachen kann man sagen, das Essen sei verunreinigt oder so was in der Art. Aber bei Blutdoping weiß jeder genau, was er tut.“ Blutdoping ist eine gängige Dopingpraxis. Das Wiederzuführen von eigenem Blut erhöht die Ausdauerleistung und ist im Dopingtest so gut wie nicht nachweisbar.

Die Sonntagsfrage soll nun den deutschen Biathleten gestellt werden – auch wenn Bundestrainer Frank Ullrich sagt, er könne „seine Hand dafür ins Feuer legen, dass die Mannschaft sauber ist“. Sven Fischer jedenfalls will jetzt zurückrechnen, wann deutsche Biathleten sich in Wien zum Bluttransfer hätten einfinden können. „So viele Tage kommen ja nicht in Frage, wo sich jemand hätte davonstehlen können. Das macht es für mich unwahrscheinlich, dass wirklich Deutsche betroffen sind.“ Gut möglich, dass die Dopingvorwürfe den Journalisten in ihm geweckt haben.

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