Sport : Die Sporthauptstadt der Welt

Australian Open und Schwimm-WM, Formel 1 und Olympia : Melbourne ist für jedes Großereignis bereit

Alexander Hofmann[Melbourne]

Man stelle sich einmal vor, die Olympischen Spiele müssten kurzfristig verlegt werden. Zumindest eine Stadt könnte das größte Sportfest auf dem Globus bei Bedarf in Windeseile auf die Bühne stellen: Melbourne. Derzeit finden dort die Australian Open der Tennisspieler statt, eines der vier bedeutendsten Turniere der Welt. Damit erschöpft sich die Zahl hochkarätiger Veranstaltungen keineswegs. In Australiens zweitgrößter Stadt findet alljährlich der Auftakt der Formel-1-Saison statt, ein Motorrad-WM-Lauf wird unweit von Melbourne in Phillip Island ausgetragen, am ersten Dienstag im November steht das ganze Land für eines der bedeutendsten Pferderennen der Welt still, den Melbourne Cup. Außerdem strömen Hunderttausende jedes Wochenende in die Stadien, um Spiele der „Australian Rules Football“-Serie zu sehen. Nächstes Jahr finden in Melbourne die Commonwealth Games statt, ein Jahr später die Schwimm-WM.

Das ist alles möglich, weil der Bundesstaat Victoria seit mehr als einem Jahrzehnt rund um den Erdball mit Erfolg Veranstaltungen akquiriert und die Sportindustrie mittlerweile zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige Victorias geformt hat. Hotels, Gaststätten und der Einzelhandel profitieren von dem Boom und natürlich auch die Regierung selbst, deren Steuerkasse entsprechende Mehreinnahmen aufweist.

Gleichzeitig ist die Infrastruktur der Stadt am Yarra-Fluss systematisch ausgebaut worden uns sucht jetzt weltweit ihresgleichen. Nicht weit vom Tenniszentrum im Melbourne Park, das gleich über zwei 15 000-Zuschauer-Arenen mit Schiebedach verfügt, steht am Rande der Innenstadt der Melbourne Cricket Ground (MCG). Die Arena, deren Geschichte vor mehr als 150 Jahren begann, wurde 1956 als Olympiastadion genutzt und wird derzeit für 200 Millionen Euro für die Commonwealth Games umgebaut. 100 000 Zuschauer passen künftig in das größte Stadion Australiens. Vom MCG braucht man nur über die Straße zu gehen und befindet sich bereits im Olympic Park, der Heimat der australischen Leichtathletik. Rund eine Viertelstunde weiter erhebt sich der Telstra-Dome, eine hochmoderne Arena, die 50 000 Zuschauern Platz bietet und ebenfalls bei Bedarf per Schiebedach in eine Halle verwandelt werden kann. Daneben gibt es noch rund ein halbes Dutzend kleinere Stadien, die meist eine Kapazität von bis zu 20 000 haben.

Passend zu der Qualität der Sportstätten funktioniert in Melbourne der öffentliche Nahverkehr. Es ist faszinierend mitanzusehen, wie nach dem Ende eines Kricketspiels im MCG Zehntausende von Besuchern in Windeseile mit Straßenbahnen, Schnellbahn und Bussen vom Gelände verschwinde. Während der Australian Open gehen zur selben Zeit noch mal bis zu 40 000 Tennisfans nach Hause. Freundliche Ansager weisen den Weg, die auch in Australien ausgeprägte angelsächsische Disziplin beim Schlangestehen tut ein Übriges, um den reibungslosen Abmarsch zu garantieren.

Bitterste Enttäuschung der jüngeren Vergangenheit war Melbournes Niederlage im Kampf um die Olympischen Spiele für das Jahr 1996, als Atlanta den Zuschlag erhielt. Vier Jahre später waren die Melbourner gar nicht begeistert darüber, dass ausgerechnet der ungeliebte Rivale Sydney die Spiele 2000 bekam. Die erbitterten Kämpfe hinter den Kulissen zwischen der Melbourne- und der Sydney-Fraktion der australischen Sporthierarchie sind Legende. Viele Bewohner Sydneys behaupten zynisch, in Melbourne sei Sport nur deshalb so eine große Nummer, weil es dort ohnehin nichts anderes zu tun gäbe.

Darüber können die Melbourner nur lachen. Ihre Stadt hat zwar kein weltberühmtes Opernhaus und keine 80 Strände wie der große Konkurrent im Osten. Dafür strahlt die Stadt mit ihren breiten Boulevards und unzählige Parks europäisches Flair aus. Dort wird natürlich auch Sport getrieben, viele der 3,5 Millionen Einwohner sind keineswegs nur Zuschauer. Egal, zu welcher Tageszeit man auch am Yarra entlangschlendert: Immer hetzen die Jogger an einem vorbei, auf dem Fluss wird gerudert, auf den Rasenflächen der Football geworfen. Melbourne ist die Sportstadt des fünften Kontinents – auch und erst recht während der Australian Open.

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