Sport : „Die Sportler werden süchtig“ Pharmakologe Fritz Sörgel über

die Doping-Folgen im Tennis

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Bei dem Tennisprofi Greg Rusedski wurde das anabole Steroid Nandrolon gefunden. Überrascht es Sie, dass ausgerechnet dieses Mittel entdeckt wurde, das vor allem Muskelmasse aufbaut, also kein klassisches Dopingmittel für Tennisspieler darstellt?

Sicher, Nandrolon baut Muskelmasse auf, so steht es in den Lehrbüchern. Aber solche Steroide haben auch einen sehr starken Effekt auf das Gehirn, sie stimulieren, das heißt, der Spieler fühlt sich fitter. Ich gehe davon aus, dass Steroide deshalb für einen Tennisspieler durchaus Sinn machen.

Anabole Steroide wie Nandrolon können zur Drogenabhängigkeit führen. Sehen Sie diese Gefahr auch bei Tennisspielern?

Diese Gefahr ist vorhanden. Eine Untersuchung der berühmten Harvard-Universität hat gezeigt, dass bis zehn Prozent jener College-Sportler, die lange anabole Steroide eingenommen haben, später opiatsüchtig wurden. Sie müssen mit diesen Opiaten ihr überstimuliertes Gehirn wieder auf Normalgeschwindigkeit bremsen.

Welche Dopingstoffe versprechen im Tennis dann aber die größte Wirkung?

Entzündungshemmende Steroide, wie sie bei Radfahrern eingesetzt werden, zum Beispiel. Die verringern das Schmerzempfinden, bei stundenlangen Spielen ist das ein wichtiger Punkt. Und natürlich Epo. Damit wird die Ausdauer gesteigert.

Spitzenspieler stellen sich bei ihren langen Flugreisen bewusst mit starken Schlafmitteln ruhig. Damit sorgen sie dafür, dass sie schnellstmöglich wieder spielen können. Führen diese Schlafmittel auch zur Abhängigkeit?

Selbstverständlich. Schlafmittel machen schon normale Patienten in einer nicht zu unterschätzenden Zahl abhängig. Warum soll das bei Tennisspielern anders sein? Gerade der Einsatz von Schlafmitteln zeigt, dass die Frage „Was ist Doping?” langfristig ganz anders beantwortet werden muss. Ein Tennisspieler, der sich nicht auf natürliche Weise regeneriert, verschafft sich meiner Ansicht nach einen unerlaubten Vorteil. Und deshalb gibt es aufgrund der neuen Dopingregeln eine für mich kuriose Situation. Wer vor einem Wettkampf ein paar Tassen Kaffee trinkt, der ist nun positiv. Einer, der starke Schlaftabletten geschluckt hat, weil er anders am nächsten Tag nicht maximale Leistungen bringen kann, isr aber clean. Pharmakologisch lässt sich das nicht begründen.

Die genaue Schlafzeit ist ja nicht programmierbar. Andererseits kann ein Spieler, der seine Dosis falsch berechnet hat, schlecht im Halbschlaf über den Platz torkeln. Arbeiten Spieler also mit Wachmachern?

Ich bin davon überzeugt. Man muss sich ja irgendwie schnell wieder in Form bringen. Umgekehrt gibt es Situationen, in denen die Spieler die Wirkungen eines Stimulanziums verkürzen wollen. Zum Beispiel, wenn jemand ein unterbrochenes Abendspiel am nächsten Vormittag fortsetzen muss. Da ist er nur fit, wenn er zuvor starke Schlafmittel genommen hat. Wie gesund das auf Dauer ist, das können Sie sich leicht vorstellen.

Die Fragen stellte Frank Bachner.

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