Sport : Die Sportschau und andere Sieger

Entscheidung über die Bundesliga-Rechte: Die ARD erhält mit dem Pay-TV-Anbieter Arena den Zuschlag

C. Tretbar[C. Hönicke],F. Bachner[C. Hönicke],M. Kla

Frankfurt am Main - Steffen Simon hatte sich extra warm angezogen. Seinen schwarzen Nadelstreifenanzug hatte der Chef der ARD-Sportschau hinter einer schweren, braunen Winterjacke mit einem dicken Pelzkragen versteckt, denn er wusste nicht, was mit seiner Sportschau passieren würde. Als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ihre Entscheidung über die Vergabe der Fernsehrechte bekannt gab und klar war, dass die Sportschau der ARD und dem deutschen Fußball-Fan erhalten bleibt, löste sich seine Anspannung. Die Jacke behielt er zwar an, aber sein Hemd knöpfte er etwas auf und er genehmigte sich einen kalten Orangensaft zur Abkühlung. „Wir können jetzt durchatmen“, sagte er und wirkte dabei immer noch etwas benommen. Denn die Entscheidung der DFL gegen Premiere und für die Sportschau war für Simon „eine Sensation hoch zehn“.

Der große Konkurrent Premiere, der die Sportschau eliminieren wollte, ist gescheitert. Gescheitert vielleicht an der eigenen Engstirnigkeit und dem Willen der deutschen Fans, Fußball im frei empfangbaren Fernsehen nicht erst nach 22 Uhr als Betthupferl vorm Schlafengehen sehen zu können. Premiere hatte zwar das finanziell bessere Angebot, aber die DFL hatte weitere Kriterien, die für die Vergabe entscheidend waren. „Dazu gehörten die Auswirkungen auf die Sponsoren der Vereine, die strategische Perspektive und die Fanbedürfnisse – und Premiere hat nur bei den Finanzen gepunktet, bei allen anderen Punkten nicht“, sagte Liga-Präsident Werner Hackmann. Der DFL-Vorstand hatte der Entscheidung für den neuen Pay-TV-Anbieter Arena am späten Dienstagabend einstimmig zugestimmt. Und am Mittwoch folgte ebenfalls einstimmig die Mitgliederversammlung der DFL, in der alle 36 Vereine der Ersten und Zweiten Liga vertreten sind. Selbst große Klubs wie Bayern, Schalke oder der HSV verzichteten auf Geld und sprachen sich für die Sportschau aus.

Es ist wohl davon auszugehen, dass das Premiere-Szenario vor allem am Widerstand der Hauptsponsoren der Bundesligisten scheiterte. „Wir waren weniger gegen Premiere als vielmehr pro Sportschau“, sagte Stephan Althoff, der Sprecher des Bayern-Sponsors Telekom. „Als werbetreibendes Unternehmen haben wir natürlich Interesse daran, die breitere Zielgruppe der Sportschau zu erreichen.“ Das künftig wieder eingeführte Freitagabend-Spiel bezeichnet Althoff als Zugeständnis, das man ans Pay-TV machen müsse, wenn man höhere Erlöse wolle. „Die attraktiveren Spiele werden aufgrund des Europapokals aber ohnehin eher am Samstag und am Sonntag stattfinden.“ Die Zweite Bundesliga musste zurückstecken: Freitags wird künftig um 18 Uhr angestoßen, sonntags um 14 Uhr – also jeweils eine Stunde früher als bisher.

Dass die Sponsoren Wert darauf legten, dass die Bundesliga auch künftig zeitnah im Free-TV übertragen wird, betont auch Caroline Götz von der Vermarktungsagentur Sportfive, die Sponsoren für sieben Bundesligisten akquiriert, darunter auch Hertha BSC und der Hamburger SV. „Es gab ja die Befürchtung, dass die Bundesliga ganz im Pay-TV verschwinden könnte“, sagte Götz. „In diesem Fall befürchteten die Sponsoren, dass sie nicht mehr genug Kunden ansprechen würden.“ Premiere sei im Vergleich zur Sportschau keine adäquate Plattform für Sponsoren, denn es „bedient ja doch eine spezielle Klientel“.

Beim VfB Stuttgart dagegen gingen die Verantwortlichen eher gelassen mit der Frage um, ob die Bundesliga bald fast komplett im Pay-TV verschwinden könnte. Jedenfalls, was die Auswirkungen für die Sponsoren betrifft. „Vor diesem Hintergrund war das bei uns kein Thema“, sagt Oliver Schraft, der Pressesprecher des VfB. Es gebe eine Studie, in der dargelegt werde, dass der mutmaßliche Schaden für Sponsoren durch eine fast komplette Verlegung der Liga ins Pay-TV nicht allzu groß sei. „Aber generell begrüßen wir die jetzige Regelung schon“, sagte Schraft.

Dieter Hoeneß von Hertha BSC hat keinen Druck der Sponsoren gespürt, die zeitnahe Ausstrahlung in der Sportschau beizubehalten. „Dieser Part wurde faktisch überschätzt, er hat vor allem psychologisch eine große Rolle gespielt“, sagte der Manager von Hertha BSC. „Die Auswirkungen wären auf jeden Fall nicht so groß gewesen, wie es in den letzten Wochen diskutiert worden ist. Aber die jetzige Entscheidung ist klug.“

Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV, hatte festgestellt, dass „es eine latente Unsicherheit über die Situation der TV-Berichterstattung gab“. Eine gewisse Befürchtung, dass die Bundesliga ins Pay-TV abwandern würde, sei vorhanden gewesen. „Im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Liga ist das ein gutes Ergebnis. Mit der weiteren Einbindung des Free-TV kommen auch die Fans auf ihre Kosten.“

Hoffmann sagt, er sei mit der Erwartung „400 Millionen plus X pro Jahr“ an die Vergabe herangegangen, und „das haben wir voll erreicht“. Insgesamt 420 Millionen Euro an Erlösen pro Jahr für die Bundesligarechte sind es geworden, darunter 40 Millionen Euro pro Jahr für die Internetrechte, die die Telekom erwarb.

Anders als Premiere ist Arena kein Sender, sondern ein Zusammenschluss verschiedener Kabelnetzbetreiber wie beispielsweise Kabel Deutschland. Welcher Sender im Endeffekt die Spiele der Saison 2006/ 2007 live überträgt, wird sich erst noch entscheiden. Auf jeden Fall soll es den Fan nicht teurer als 20 Euro kommen, die Spiele live zu sehen. „Unser neuer Partner hat jetzt genug Zeit, sich aufzustellen, Strukturen zu schaffen und sich an den Fan zu wenden, wir werden ihn dabei operativ unterstützen, aber nicht beraten“, sagte Christian Seifert, Geschäftsführer der DFL. „Wir haben jetzt etwas Neues und das muss aufgebaut werden, aber ich bin mir sicher, dass wir eine Entscheidung mit Zukunft getroffen habe.“ Trotzdem kam bei vielen auch etwas Wehmut auf. „Wir hätten gerne mit Premiere weitergemacht, aber wir mussten abwägen“, sagt Seifert. DFL-Vorstandsmitglied Andreas Rettig war sogar etwas traurig, den langjährigen Partner zu verlieren.

Nun kommt Premiere auch als Namenssponsor der Bundesliga nicht mehr in Frage. Seifert erklärte, es habe „bisher mehrere Gesprächsrunden mit potenziellen Namenssponsoren gegeben. Nachdem nun eine Entscheidung bei der Vergabe der TV-Rechte gefallen ist, werden wir die Gespräche forcieren. Allerdings erst nach Weihnachten.“ Als Kandidat für den angestrebten Verkauf der Namensrechte ab der kommenden Saison galt die Telekom. Doch Konzernsprecher Althoff winkte gestern sofort ab: „Daran haben wir keinerlei Interesse.“

Trotz dieser noch ungeklärten Tatsache lobte Christian Heidel, der Manager von Mainz 05, die Arbeit der DFL: „Das war professionell und sehr kompetent.“ Gerhard Mayer-Vorfelder brachte die Verhandlungen auf den Punkt: „Außer Premiere haben alle gewonnen.“ Auch Steffen Simon und seine Sportschau.

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