Sport : Die Spur der Steroide

Unzählige US-Leichtathleten sind positiv getestet worden – ein deutscher Sportarzt hat das Dopingsystem vor Ort erlebt

Frank Bachner

Berlin. Die Trainingsgruppe saß im Wohnzimmer eines Apartements in Los Angeles. Weltklasse-Sprinter und -Sprinterinnen und Talente, und dazwischen ihr Trainer. „Es war ein berühmter, hochkarätiger Trainer“, sagt ein deutscher Sportarzt. Er saß auch dabei, eingeladen von diesem Trainer. Und dieser habe dann auf ein Talent gezeigt und gesagt: „Bei ihm müssen wir jetzt etwas machen. Da brauchen wir jetzt Salz in der Suppe.“ Im Klartext habe das geheißen: „Der braucht jetzt Dopingmittel.“ Der Arzt wusste, was gemeint war, und Sekunden später fragte ihn der Trainer: „Gibst du ihm Dopingmittel?“ Ich habe abgelehnt, sagt der Arzt.

Er kannte die Athleten, er kannte den Coach, er hatte sie mehrfach bei einem großen deutschen Leichtathletik-Meeting getroffen. Er war dort jahrelang Meeting-Arzt, und irgendwann kam die Einladung in die USA. Und bald war klar, weshalb: „Ich sollte in Trainingslagern überprüfen, ob die Dopingdosierungen optimal waren.“ Und trotz der Ablehnung habe der Coach weiter versucht, ihn anzuwerben. Deshalb, sagt der Mediziner, der anonym bleiben will, habe er im November 2000 Einblick in das Dopingsystem von US-Leichtathleten erhalten. Und weil gerade unzählige US-Leichtathleten in der A-Probe positiv auf das Steroid THG getestet wurden, sagt der Arzt: „Das bestätigt, was ich erlebt habe.“ Bei dem Trainer handele es sich aber nicht um John Smith, Coach von 100-m-Olympiasieger Maurice Greene.

Der US-Trainer habe ihm Vertriebswege offenbart. „Es gebe bestimmte Ärzte, die ge- nau die Dopingdosierungen festlegten. Dort würde er auch die Dopingmittel abholen. Ich sollte sogar mal zum Einkauf mitfahren.“ Zudem würden die gedopten Athleten permanent von unabhängigen Labors untersucht. Einfaches Ziel: Trainer und Athlet sollten ständig wissen, ob sie noch nachweisbare Dopingmittel im Körper haben. Gerade vor Wettkämpfen ist das von Bedeutung. „Das ist wie früher in Kreischa“, sagt der Arzt. In Kreischa wurden DDR-Athleten vor Wettkämpfen auf Doping getestet. Nur wer negativ war, durfte fahren. Alles laufe konspirativ, sagt der Arzt. Die Labors würden mit viel Geld ruhig gestellt. Kein Testergebnis werde im Computer gespeichert. „Es gibt keine Spuren.“ Er habe den Trainer mal gefragt, wo die Steroide hergestellt würden. „Da sagte er nur: Lass das mal unsere Sorge sein, wir haben unsere Quellen.“ Gerade weil ihm der Einblick fehlte, sei er auch als Arzt eingeladen worden. „Die wollten die Meinung von einem, der nicht zum System gehört.“

Überall nur Geheimniskrämerei. Der Arzt sagt, er habe mal bei einer Weltklassesprinterin übernachtet. „Die ist bei der WM in Paris gestartet.“ Diese Frau habe erzählt, wie sie und ihre Kolleginnen Doping-Kontrolleure möglichst gut austricksen wollten. „Ständig neue Handynummern, keine Postadresse, ganz selten selber ans Telefon gehen.“

Kurz zuvor hatte der Arzt auch das National Olympic Center (NOC) in Colorado Springs besucht. Ein Freund von ihm hatte dort studiert, der nahm ihn mit. Das NOC ist eine Mischung aus Sport-Stützpunkt und Universität. Dort, sagt der Arzt, sei er auf den Trainer eines College-Basketballteams gestoßen. „Der erzählte mir: ,Wir arbeiten mit Steroiden. Die sind leicht zu besorgen.’“ Diese Steroide würden quasi monatlich von Entwicklungslabors abgewandelt, so dass sie nicht nachweisbar seien. Auch THG, das gerade bei US-Athleten getestet wurde, ist ein leicht verändertes Steroid.

An einem Abend saß der Arzt, so erzählt er es, in einem Studentenzimmer des NOC mit mehreren College-Footballern. Plötzlich habe ihn ein 21-jähriger Spieler in einen Nebenraum gebeten. Dort stand ein Schuhkarton voll mit Medikamentenschachteln und Arzneifläschchen. „Mein Trainer sagt immer, dass ich das nehmen soll“, habe der Footballer gesagt, „kannst du mir sagen, was das ist?“ Der Arzt konnte das problemlos. „Aufputschmittel, Wachstumshormone, vor allem aber Anabolika.“ Der Spieler habe nur mit den Schultern gezuckt. Diese Haltung sei typisch, sagt der Arzt. „Doping wird dort klein geredet.“ Einmal habe er einem Sportler erzählt, dass wegen Dopingmitteln schon Leute gestorben seien. Der Athlet habe nur erwidert: „Na und, das ist Berufsrisiko.“

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