Sport : Die Spur führt nach Osten

Im italienischen Wettskandal werden die asiatischen Hintermänner enttarnt.

Tom Mustroph[Rom]
Es wird nicht mehr weggeschaut. Cristiano Doni, Ex-Kapitän von Atalanta Bergamo, ist einer von 17 Verdächtigen, gegen die die Staatsanwaltschaft Haftbefehle erlassen hat.Foto: dpa
Es wird nicht mehr weggeschaut. Cristiano Doni, Ex-Kapitän von Atalanta Bergamo, ist einer von 17 Verdächtigen, gegen die die...Foto: dpa

Italien wird durch die zweite Welle der Wettskandalermittlungen erschüttert. Denn die Staatsanwaltschaft Cremona hat wieder zugeschlagen: 17 Haftbefehle, die bis nach Osteuropa und Asien reichen, stellte die Strafverfolgungsbehörde aus der Provinzstadt am Montag aus. Sie richten sich gegen einige teils schon bekannte Sünder des ersten Teils der Wettbetrugsermittlung „Last Bet“, die im Frühjahr Aufsehen erregt und zu teils mehrjährigen Sperren beteiligter Fußballprofis und Sanktionen gegen Serie-A-Aufsteiger Atalanta Bergamo sowie einige unterklassige Vereine geführt hatte. Ins Blickfeld gerückt sind erstmals aber auch die Hintermänner aus Asien.

Als „ein internationales Börsensystem der Korruption, das in dieser Form seit 2007 existiert“ charakterisierte Staatsanwalt Roberto Di Martino die aufgespürten Verbindungen. „Die Basis ist Singapur. Die operativen Zentren befinden sich in Osteuropa. Gewettet wird vornehmlich bei asiatischen Wettanbietern, weil sich dort etwaige Kontrollen besser umgehen lassen. Beeinflusst werden Spiele der italienischen Meisterschaften und der Wettbewerbe anderer Länder“, sagte Di Martino. Er selbst beschränke sich bei seinen Ermittlungen auf Spiele in Italien.

Vier Serie-A-Begegnungen der vergangenen Saison, alle unter Beteiligung der drei späteren Absteiger Bari, Sampdoria und Brescia, und mindestens fünf Begegnungen der Serie B aus der Saison 2009/10 kommen zu den im Frühjahr als verdächtig identifizierten Spielen der obersten drei Ligen hinzu.

Selbst in der aktuellen Saison endeten die Manipulationsversuche nicht. Vor der Pokalbegegnung vom 30. November 2011 zwischen dem Erstligisten AC Cesena und dem Zweitligisten AS Gubbio (3:0 für Cesena) offerierte der Ex-Profi Alessandro Zamperini einem Spieler des Zweitligisten 200 000 Euro für eine Niederlage. Der Gubbio-Profi packte allerdings aus.

Geldbote Zamperini soll laut Staatsanwaltschaft für eine von Albanern geleitete Untergruppe des Singapurer Imperiums gearbeitet haben. Er gehört zu den Verhafteten des Montags – ebenso wie der frühere Nationalspieler Luigi Sartor. Ihn halten die Behörden für den Verbindungsmann der sogenannten „Bologneser Gruppe“ zum asiatischen Kartell. Diese Gruppe wurde laut Staatsanwaltschaft vom früheren Auswahlstürmer Beppe Signori geleitet. Die Ermittler führen die Reise eines mutmaßlichen Abgesandten aus Singapur in Begleitung Sartors zu Signori nach Bologna als Beleg für diese Verbindung an.

An der Spitze der Pyramide soll der Singapurer Eng Tan Seet stehen, bekannt auch unter dem Namen Dan Tan. Als Journalisten der Singapurer Zeitung „The New Paper“ Dan Tan in dessen Haus aufsuchten, stritt der zwar jegliche Manipulation ab. Er gab aber zu, mit einem in Finnland wegen Manipulationsversuchen festgesetzten Landsmann in geschäftlicher Beziehung gestanden zu haben. Finnische Ermittler werfen Dan Tan zudem vor, mit 300 000 Euro den Erstligaklub Tampere United bestochen zu haben. Tampere wurde deshalb aus der ersten finnischen Liga verbannt.

Von Dan Tans früherem Kompagnon in Finnland haben die italienischen Staatsanwälte nun auch erfahren, dass die Gruppe zwischen 500 000 Euro und 1,5 Millionen Euro pro manipuliertem Spiel einsetzte. Die Gewinne sollen nach einem festgesetzten Schlüssel auf allen Hierarchieebenen verteilt worden sein.

Ob dem mutmaßlichen Imperium damit ein Ende gesetzt wurde, ist allerdings überaus fraglich. Denn von den 17 Haftbefehlen wurden zur Stunde nur sieben gegen italienische Staatsbürger – darunter der frühere Atalanta-Kapitän Cristiano Doni –, sowie einer gegen einen Mazedonier vollstreckt. Sechs weitere Männer aus Ost- und Südosteuropa sowie drei asiatische Verdächtige sind weiter auf freiem Fuß. Ob sie auch bald in Untersuchungshaft landen werden, ist derzeit völlig unklar.

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