Sport : Die Steigbügelhalter

Viele Topreiter bei der WM sind in Deutschland ausgebildet worden oder haben deutsche Pferde

Jeannette Krauth[Aachen]

Es ist schon verrückt: Die englische Prinzessin Anne kommt zum Zuschauen, ebenso Kanzlerin Merkel, TV-Komiker Stefan Raab sendet ein Grußwort, und ein TV-Sender aus Dubai rückt mit mehr Personal, Wagen und Gerät an als die deutschen Sender. Was für ein Aufgebot. Und dann fragen manche noch: „Was, im Reiten gibt es auch eine Weltmeisterschaft?“ So, als ob diese Sportart mit Kuriositäten wie Handyweitwurf oder Sumpffußball vergleichbar wäre.

Dabei haben die Kanzlerin und die Prinzessin gute sportliche Gründe, zu den Weltreiterspielen nach Aachen zu reisen, die gestern mit der Eröffnungsfeier begannen. Deutschland ist das Land der Reiter. In kaum einer anderen Sportart ist dieses Land so erfolgreich wie im Reiten. Ein paar Beispiele: Marcus Ehning, Springreiter, ist seit mehr als 13 Monaten Erster der Weltrangliste. Ein Star. Boris Becker, zum Vergleich, war in seiner Tenniskarriere zwölf Wochen lang an dieser Position. Oder: Die deutsche Dressurmannschaft ist seit 1974 ungeschlagen Weltmeister. Die Reiter sind nach den Ruderern die erfolgreichsten deutschen Sportler bei Olympischen Spielen, wenn man prozentual rechnet: Sie holten mit 75 Medaillen mehr als ein Viertel aller möglichen Edelplaketten.

Deshalb kommen auch viele Sportler, die an die Weltspitze wollen, nach Deutschland, um zu lernen: Meredith Michaels-Beerbaum, die gebürtige Amerikanerin, kam etwa vor Jahren zu Paul Schockemöhle, um eine professionelle Springreiterin zu werden. Sie blieb und ist jetzt Mitglied des deutschen Nationalteams. Sie geht als Favoritin an den Start. Oder Kyra Kyrklund, eine Finnin, die in der Dressur als Geheimtipp gilt: Ihr Handwerk lernte sie in Schleswig-Holstein bei Herbert Rehbein, einem Ausbilder mit Legendenstatus. Deutschland hat eine lange Tradition im Pferdesport, besonders, was Dressur und Springen betrifft. Vergleichbar mit Deutschland ist nur Großbritannien, das vor allem durch das Jagdreiten besonders im Pferdesport verwurzelt ist. Aus diesem Grund sind die Briten sehr stark in der Vielseitigkeit.

Interessant ist auch ein Blick in die Abstammungen der Spitzenpferde: Mehr als ein Viertel der Pferde, die 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen starteten, hatte deutsche Vorfahren. Salinero etwa, das beste Pferd der niederländischen Weltklasse-Dressurreiterin Anky van Grunsven, wurde in der deutschen Provinz, in Fallingbostel (Niedersachsen), gezüchtet, ebenso Wansuela Suerte, deutsches Mannschaftspferd von Hubertus Schmidt. Bis ins 19. Jahrhundert sind die Stutenfamilien der niedersächsischen Züchter zurückzuverfolgen. Noch weiter reicht die Tradition der deutschen Landgestüte. Sie wurden im 17. und 18. Jahrhundert gegründet, um Landwirtschaft und Kavallerie zu fördern und die Staatskasse zu füllen. Zehn staatliche Landgestüte gibt es noch in Deutschland, die Hengste halten und Züchtern deren Samen verkaufen. Heute mit dem Ziel, Sport- statt Bauernpferde zu liefern.

Diese Sportpferde braucht vor allem der Breitensport: 1,6 Millionen Deutsche voltigieren, fahren Kutsche oder reiten regelmäßig, ergab eine Studie, welche die Deutsche Reiterliche Vereinigung in Auftrag gegeben hatte. Also reiner Blödsinn, das Klischee vom Mädchenhobby Reiten? Nicht ganz. Experten der Uni Kassel erforschten, was die 170 000 reitenden Mädchen unter 14 Jahren bei Pferden so anzieht. Und es ist nicht der Sport, sondern ein „echtes Bindungsgefühl“; das Pferd funktioniert als „ultimatives Kuscheltier“, das umsorgt werden will und meist nicht mehr attraktiv ist, wenn der erste Freund da ist. Klingt kitschig und nicht unbedingt tiergerecht, ist aber gar nicht so schlecht: In Phasen, in denen sich Jugendliche familiär abkapseln, ist das Pflegen von Tieren oft eine sinnvollere Freizeitbeschäftigung als Rumhängen ohne Ziel und emotionalen Halt.

Neben dem emotionalen Wert gibt es auch harte wirtschaftliche Zahlen: In Deutschland leben mehr als eine Million Pferde, und die sorgen für rund 300 000 Arbeitsplätze. 2005 wurden im Fernsehen mehr als 400 Stunden Sendezeit für Pferdesport reserviert. Pferde sorgen für Geld: Bei den 22 Verkaufsauktionen von deutschen Zuchtverbänden, die privaten Auktionen also nicht mitberechnet, wurden 40 Millionen Euro umgesetzt.

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