Sport : Die Stille vor dem Schluss

Hertha BSC sucht nach den Ursachen für das eigene Mittelmaß und entdeckt ein Kommunikationsproblem in der Mannschaft

André Görke,Stefan Hermanns

Von André Görke

und Stefan Hermanns

Berlin. Der Trainer und die Spieler demonstrierten große Einigkeit – zumindest nach dem Spiel. Vor dem Kabinenausgang warteten die Journalisten, ein Fernsehsender hatte Herthas Pressesprecher darum gebeten, Huub Stevens, den Trainer des Berliner Fußball-Bundesligisten, noch einmal vor die Kamera zu holen. Zehn Minuten später ging die Tür auf, Stevens trat heraus, bog gleich rechts ab und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Pal Dardai, Roberto Pinto, Arne Friedrich und die anderen Hertha-Spieler hatten es zuvor ebenso gehalten. Nur Thorben Marx hatte gesprochen. „Wir sind zu doof“, hatte er gesagt.

Allzu großen Widerspruch konnte Marx an diesem späten Nachmittag nicht erwarten. 2:2 hatte Hertha im Olympiastadion gegen den VfL Wolfsburg gespielt. Das bloße Ergebnis ist schon traurig genug, aber hinzu kam, dass die Mannschaft bereits 2:0 geführt hatte und der Ausgleich erst in letzter Minute fiel. „Unglaublich. Völlig unverständlich“, sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Da fällt mir nicht sehr viel ein.“ Auch Trainer Stevens fand es „ganz schwierig, nach den Ursachen zu suchen“.

Dieser Zustand ist bei Hertha nicht neu. „Es ist wie immer“, sagte Arne Friedrich, der vor einem Jahr noch in der Zweiten Liga gespielt hat und mangels anderer Bewerber bei Hertha bereits in eine Führungsrolle gewachsen ist. Die Mannschaft kommt nicht von der Stelle, und keiner weiß, woran das liegt. Mit einem Sieg gegen Wolfsburg wäre Hertha am Samstag auf Platz fünf vorgerückt – und hätte fast nebenbei beweisen können, dass das aktuelle Gerede von der Ankunft im Mittelmaß nichts als hauptstädtische Hysterie gewesen wäre. Durch das Unentschieden aber gerät die Mannschaft in Erklärungsnot. „Wolfsburg ist ja keine Übermannschaft“, sagte Thorben Marx. Hertha aber offensichtlich auch nicht.

„Uns fehlt jemand, der richtig den Mund aufmacht“, sagte Friedrich. Einer wie Stefan Effenberg vielleicht, der auf Seiten der Wolfsburger spielte. „Effenberg hat nach dem 0:2 Ärger gemacht und ein Zeichen gesetzt“, sagte Josip Simunic, „das hat uns gefehlt.“ Der Mangel an Führungskräften bei Hertha ist nicht neu. Das Problem hat die Vereinsführung längst erkannt, aber sie setzt auf Evolution statt Revolution. Die vorhandenen Spieler sollen sich zu Siegertypen entwickeln. Doch bisher hat das noch nicht funktioniert.

Im Grunde müssen Manager Hoeneß und Trainer Stevens froh sein, dass zumindest Arne Friedrich auf dem Platz einen ausgeprägten Geltungsdrang und Gestaltungsanspruch besitzt. Aber es ist auffällig, dass bei Hertha mit Friedrich, Simunic und van Burik die markigsten Typen in der Abwehr spielen, nicht im Mittelfeld. Auffällig ist auch, dass die gestandenen und etablierten Spieler ihrer Führungsrolle nicht gerecht werden. Bei Marcelinho mag das daran liegen, dass er der deutschen Sprache nicht in ausreichendem Maße mächtig ist, bei Michael Preetz daran, dass er im Moment das Tor nicht trifft und zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Aber, „ein Rehmer muss mehr reden“, sagt Stevens, „ein Beinlich muss mehr reden“. Solche Klagen sind ebenfalls nicht neu.

Arne Friedrich glaubt, „dass wir sehr wohl entwicklungsfähig sind“. Aber eine solche Entwicklung braucht viel Zeit; andererseits könnte der Vorgang durch Impulse von außen beschleunigt werden, durch einen neuen Spieler zum Beispiel, der mit seiner provokanten Art auch mal die schmusige Harmonie stört. Hertha braucht einen Stinkstiefel wie Effenberg. „Wir sind zu lieb, zu nett. Man sieht nicht, dass wir gewinnen wollen“, sagte Simunic. „Man hat den Eindruck, dass manche Angst haben.“ Es ist die Angst vor dem Gewinnen. Nicht-verlieren-wollen und Gewinnen-wollen sind nämlich zwei völlig unterschiedliche Dinge. Gegen Wolfsburg wollte Hertha nicht verlieren. „Wenn man 2:0 führt, braucht man keine Ohnmacht zu haben“, sagte Trainer Stevens. „Dann muss man Vertrauen haben.“ Vertrauen aber besitzt nur der, der von den eigenen Fähigkeiten überzeugt ist. „Es war keine Angst zu sehen, nur Unruhe“, sagte Stevens. „Wir hatten alles im Griff, und es hat ja auch ungefähr geklappt.“ Aber nur ungefähr.

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