Sport : Die stillen Verlierer

Das Scheitern einer Generation: Wie Portugal nach dem Finale trauert

Sven Goldmann[Lissabon]

Luis Figo versteht als erster, was gerade passiert ist. Der portugiesische Kapitän hat ein schlechtes Spiel gemacht, weit unter der Form, die er noch beim Halbfinalsieg über die Holländer gezeigt hat, aber er hat Stil. 31 Jahre ist er alt und hätte diese Europameisterschaft so gern als Bühne für einen großen Abschied von der Nationalmannschaft genutzt. Und nun das, eine 0:1-Niederlage gegen Griechenland im EM-Finale. Figo steht für Sekunden im Mittelkreis, dann schüttelt er den Kopf, fährt sich durch die Haare, geht zu Traianos Dellas und reicht ihm die Hand. Danach sind die anderen Griechen dran. Einem nach dem anderen gratuliert er, während die Kollegen noch auf dem Rasen liegen oder ins Leere starren.

Griechen und Portugiesen geht es an diesem Abend ähnlich. Das Ergebnis dieses EM-Finales ist noch nicht angekommen in ihren Köpfen. Der Sieger tut sich schwer mit dem Jubel, der Verlierer mag die Niederlage nicht so recht verstehen. 28 Spiele lang war Portugals Nationalmannschaft in Lissabon ohne Niederlage geblieben, ausgerechnet im finalen Match reißt diese Serie. „Es ist ganz einfach: Die Griechen haben ein Tor geschossen, wir keines“, sagt Trainer Luiz Felipe Scolari. „Deswegen haben sie das Spiel verdient gewonnen, aber für uns geht die Welt nicht unter. Ich hoffe, dass alle Portugiesen eines verstehen: Wir sind Zweiter geworden. Das ist keine Schande. Jetzt müssen wir weiter arbeiten für die WM in zwei Jahren.“

Die portugiesischen Fans bleiben nach dem Schlusspfiff auf ihren Plätzen. Keiner verlässt das Stadion, die Siegerehrung gerät zu einer schweigsamen Veranstaltung. Im Mittelkreis wird ein Podest aufgebaut, die Portugiesen schauen zu, alle scheinen sie zu hoffen, dass die protokollarische Prozedur möglichst schnell zu Ende geht. Es ist schlimm genug, gegen den großen Außenseiter zu verlieren, aber noch schlimmer ist es, die Übergabe des Pokals mit anzusehen. Mit gesenkten Köpfen holen sich Rui Costa, Figo, Nuno Gomes ihre Medaillen ab.

Portugals Volksheld Eusebio beglückwünscht seine Landsleute. Er ist 62 Jahre alt und muss bei der Ehrung gestützt werden. Über seinen Schultern liegt ein Handtuch, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn wischt. Der Mann aus Mosambik hat Portugal 1966 bei der WM in England auf Platz drei geführt. Er gilt, trotz Luis Figo, als größter Fußballer, den Portugal je hervorgebracht hat. Heute dient Eusebio der Nationalmannschaft als Maskottchen. Die Spieler klopfen ihm liebevoll auf die Schulter.

Dann sind die Griechen dran. Theodorous Zagorakis bekommt den Pokal überreicht, und später erzählt er, dass „in meinem Kopf alles leer war, ich wollte den Pokal einfach nur nach oben halten“. Die Griechen feiern, und irgendwie haben es die Portugiesen geschafft, den Platz zu verlassen, ohne dass es einer merkt. Wahrscheinlich fragen sie sich: Wie konnte das passieren? Der Trainer hatte uns ja gewarnt vor Standardsituationen. Schon das Halbfinale gegen Tschechien hatten die Griechen mit einem Kopfballtor nach einer Ecke für sich entschieden, und genauso läuft es im Finale. Dabei wussten sie, wie schwer es sich gegen die Griechen spielen lässt, wenn diese erst mal in Führung gegangen sind.

Luiz Felipe Scolari kleidet sein Lob für den Gegner in große Worte: „Die Griechen haben ein spektakuläres Defensivspiel gezeigt!“, sagt der portugiesische Trainer. Auch er ist ein Freund des abwehrbetonten Spiels, deshalb kommen ihm die Begriffe „defensiv“ und „spektakulär“ im Einklang leichter über die Lippen als anderen. Scolari weiß: Portugal hatte Chancen. Luis Figo, Cristiano Ronaldo und Rui Costa haben sie in den letzten Minuten vergeben. Keiner Mannschaft, auch nicht den virtuosen Tschechen, haben die Griechen in den Schlussminuten so viele Gelegenheiten eingeräumt. Die Enttäuschung sitzt tief. Die Goldene Generation Portugals, 1991 Sieger der Junioren-WM, sie ist gescheitert.

Die Spieler sind längst in der Kabine, da steht Portugal ein letztes Mal im Mittelpunkt: beim finalen Feuerwerk über dem Estadio da Luz, mit Leuchtraketen in Rot und Grün, den Nationalfarben. Die Fans haken die Niederlage schnell ab, sie feiern bis in die Morgenstunden und singen „Portugal, allez!“ Es hat schon unsympathischere Verlierer gegeben.

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