Sport : Die Stilvolle

Was Eiskunstläuferin Slutskaja zur Favoritin macht

Christiane Mitatselis[Turin]

Irina Slutskajas Blick war starr, als sie über ihr olympisches Kurzprogramm sprach. „Es war meine beste Leistung in diesem Winter“, sagte die russische Eiskunstläuferin am späten Dienstagabend. „Ich werde mich wie immer auf die Kür vorbereiten. Nichts hat sich geändert, nichts ist neu.“ Slutskaja hatte Recht, in der Turiner Eiskunstlauf-Arena „Palavela“ hatte sie zu Franz Liszts „Totentanz“ ein lebendiges Kurzprogramm gezeigt – lächelnd vorgetragen und mit der ihr eigenen Eleganz. Ungewohnt für die 27-Jährige aus Moskau, die seit 2004 keinen großen Wettkampf verloren hat, ist jedoch dies: Sie geht nicht als Spitzenreiterin in die Kür am Donnerstag (19 Uhr). Die siebenmalige Europa- und zweimalige Weltmeisterin erreichte im Kurzprogramm mit 66,70 Punkten nur den zweiten Platz – um drei Hundertstel besser wurde Sasha Cohen aus den USA bewertet (66,73). Die Japanerin Shizuka Arakawa liegt knapp dahinter auf Rang drei (66,02).

US-Meisterin Cohen war im Kurzprogramm als letzte Läuferin gestartet. Wie aufgedreht fegte sie zu einer Schmalzversion des russischen Volksliedes „Schwarze Augen“ über das Eis. Ihr Auftritt war weniger grazil, statt Ausstrahlung bot sie Energie und Schnelligkeit. Ihre Sprünge hatten das gleiche Niveau wie die der Russin, beide sprangen sauber, zeigten aber keine Dreifach-Dreifach-Kombination. Cohens Führung wurde möglich, da die Richter ihr höhere Noten für die Programmkomponenten gaben.

Die Charaktere der beiden Eiskunstläuferinnen Slutskaja und Cohen könnten nicht unterschiedlicher sein: Die Russin ist eine komplette Läuferin. Sie ist gereift, ein paar Krisen hat sie überstehen müssen. Sportliche: Bei den Spielen in Salt Lake City 2002 hatte sie Rang zwei hinter der US-Amerikanerin Sarah Hughes belegt, obwohl viele die Russin vorne sahen. Und persönliche: Eine Blutgefäßerkrankung hat sie hinter sich, und sie hat festgestellt, „dass Eiskunstlaufen nicht alles ist im Leben“. Auch Cohen, die bei der WM 2005 in Moskau Rang zwei hinter Slutskaja belegt hatte, sagt von sich, sie sei „gereift“. Allerdings dreht sich ihr Leben in erster Linie um ihren Sport. Nach ihrem beeindruckendsten Olympia-Erlebnis gefragt, antwortete sie: „Ich habe noch gar nichts gesehen – außer Eiskunstlauf.“

Ein Vorteil für Slutskaja: In der heutigen Kür geht die als nervenstark geltende Russin als Letzte der 24 Läuferinnen aufs Eis, Cohen muss als 20. vorlegen. Sollte Slutskaja gewinnen, so wäre sie die erste russische Olympiasiegerin überhaupt in der Frauenkonkurrenz. Außerdem würde ihr Land Geschichte schreiben: Noch nie kamen alle vier Olympiasieger im Eiskunstlauf aus Russland.

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