Sport : Die Stoiker

Warum sich die Deutschen in Island warm anziehen müssen

Stefan Hermanns

„Ich habe es früher geliebt, bei solchem Wetter zu spielen. Deshalb habe ich es auch fünf Jahre in Bremen ausgehalten.“

Teamchef Rudi Völler

Reykjavik. Thordur Gudjonsson absolviert sein eigenes Programm. Und niemand nimmt Anstoß daran. Während seine Kollegen von der isländischen Fußball-Nationalmannschaft den Torschuss üben, mit dem sie Oliver Kahn heute im EM-Qualifikationsspiel bezwingen wollen, steht der Profi vom VfL Bochum an der Eckfahne und schlägt einen Ball nach dem anderen in den Strafraum. Wenn Gudjonsson Glück hat, stürmt aus dem Hintergrund eine Windböe heran, löst sich von seinem Bewacher und trägt den Ball ins leere Tor.

Es regnet, und es stürmt in diesen Tagen oft in Reykjavik. Den Isländern macht das nichts aus. In den Reiseführern steht die halb offiziöse Warnung, dass Regenjacken nur etwas für Touristen seien. Manche Einheimische gehen auch bei 13 Grad Celsius im T-Shirt auf die Straße, und man muss als Isländer schon wie Eyjölfur Sverrisson, der ehemalige Profi von Hertha BSC, fast zehn Jahre lang im Süden des Kontinents gelebt haben, um die aktuellen klimatischen Bedingungen als schlechtes Wetter zu empfinden. Das Wetter könnte einiges erklären. Die Gelassenheit der Menschen zum Beispiel. Die Isländer sind ein stoisches Volk. Wenn sie in Kneipen gehen, klappen sie ihr Notebook auf, bestellen einen halben Liter Bier für 600 Kronen (sechs Euro), tippen auf die Tastatur oder surfen durchs Internet. Wenn das Glas leer ist, klappen sie das Notebook zu und gehen. Geredet haben sie dann nicht.

Der ganz normale Wahnsinn

Die Gelassenheit in vermeintlich aufgeregten Zeiten ist am besten zu beobachten, wenn zwei verschiedene Welten aufeinander stoßen. Wenn zum Beispiel die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes mit den besten Fußballern des Landes auf der Insel im Nordatlantik landet und damit der ganz normale Wahnsinn in ihre Hauptstadt Einzug hält. Von den Ausläufern werden auch die Isländer noch gestreift. Zum Abschlusstraining ihrer Nationalmannschaft im so genannten Nationalstadion haben sich drei deutsche Fernsehteams eingefunden. Der Reporter von RTL fragt Asgeir Sigurvinsson, den Nationaltrainer, ob das Länderspiel gegen die Deutschen denn das wichtigste in der Geschichte des isländischen Fußballs sei, und kurz darauf steht Sigurvinsson dem Reporter vom ZDF gegenüber, der von ihm wissen möchte, ob denn das Spiel gegen die Deutschen das wichtigste in der Geschichte des isländischen Fußballs sei.

Ein Stürmer von internationaler Klasse

Wenn das Spiel gegen die Deutschen für jemanden etwas Besonderes ist, dann für Sigurvinsson. 16 Jahre lang hat er in Deutschland gelebt, ein Jahr für die Bayern gespielt, danach für den VfB Stuttgart, mit dem er 1984 Deutscher Meister wurde. Sigurvinsson hat einmal gesagt, er kenne die deutschen Fußballer besser als die isländischen. Seine Spieler spielen bei englischen Zweitligisten, in Deutschland beim VfL Bochum oder in Belgien. Meistens lohnt es sich für Sigurvinsson nicht, ins Ausland zu reisen, um seine Nationalspieler bei der Arbeit zu beobachten. Am vergangenen Wochenende saßen von seinen Spielern sieben nur auf der Bank. Sigurvinsson ist angeln gewesen. „Wir sind als Team da“, sagt der Nationaltrainer, „und wir haben einen Stürmer, von dem man sagen kann, er hat internationale Klasse.“ Der Stürmer von internationaler Klasse ist Eidur Gudjohnsen, der in der englischen Premier League für den FC Chelsea spielt. Das heißt: Seit dieser Saison sitzt er meistens auf der Bank.

Nationaltrainer Sigurvinsson steht beim Training etwas abseits, die Übungen leitet Assistent Logi Olafsson. Sigurvinsson sagt: „Wir sind noch nie so nah dran gewesen wie dieses Mal.“ Nach drei Siegen aus den letzten drei Spielen liegt Island jetzt in der EM-Qualifikation mit einem Punkt und einem Spiel mehr vor den Deutschen. „Wir wollen den zweiten Platz“, sagt Sigurvinsson.

7000 Menschen passen in das Laugardalsvöllur-Nationalstadion. Die Karten für das Spiel waren in zwei Stunden ausverkauft. Die Isländer wollten Zusatztribünen aufstellen, durften aber nicht. Zum Abschlusstraining sind 50 Kinder gekommen. Einige klettern über die Bande und spielen mit den Bällen, die der Wind hinter das Tor getragen hat. Wenn es auch heute stürmt, könnte das von Vorteil für die Isländer sein. Ob er sich solches Wetter wünsche, wird Sigurvinsson gefragt. „Nein. Wir wollen doch ein richtiges Fußballspiel sehen.“

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