Sport : Die Streber aus der Turnhalle

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Von Jan-Martin Wiarda,

Chapel Hill

Die Probleme haben ja nicht erst in Minnesota angefangen. Warnende Stimmen hatte es seit Jahren gegeben, und doch brauchte es den bislang größten akademischen Skandal im College-Basketball, um die 100 Jahre alte Symbiose von Sport und Wissenschaft an amerikanischen Universitäten ernsthaft in Frage zu stellen. Die Geschichte, wie sie sich an der University of Minnesota in St. Paul zugetragen hat, ist schnell erzählt: Eine ehemalige Mitarbeitern der Universität, zuständig für die akademische Betreuung des Basketballteams, geht mit dem Geständnis an die Öffentlichkeit, über Jahre hinweg insgesamt mehr als 400 Hausarbeiten, Referate und Tests für mindestens 20 Spieler verfasst zu haben, die diese dann unter ihren eigenen n abgaben. Der Universitätspräsident zieht die Glaubwürdigkeit der ehemaligen Mitarbeiterin zunächst in Zweifel; der Trainer bestreitet, von den Vorgängen gewusst zu haben. Doch mehrere – ebenfalls ehemalige – Spieler geben den Betrug zu. Nur drei Monate später findet die Universität den Trainer mit 1,5 Millionen Dollar ab.

Das war 1999. Jenseits aufzählbarer Fakten enthält der Fall Minnesota all jene Elemente, die gegenwärtig in den USA die Debatte um die Zukunft des College-Sports anheizen, gleichzeitig den Blick verschleiern und damit eine echte Lösung unwahrscheinlich machen: Es geht um Macht, Geld und, wie Kritiker befinden, jede Menge Heuchelei. Im Mittelpunkt, wenn auch nicht auf der Gewinnerseite, stehen junge Menschen, deren offizielle Bezeichnung ebenso widersprüchlich ist wie die Rolle, die sie zu spielen haben: Sie sind student-athletes, Studenten und Sportler zugleich, Stars für zehntausende Fans und oftmals die Problemfälle ihrer Professoren.

An den 1271 Universitäten, die sich über ihren nationalen Athletikverband NCAA organisieren, betreiben 360 000 Männer und Frauen Sportarten vom Schwimmen übers Fechten bis zum Golf. Das Geld, der Druck und die Probleme konzentrieren sich auf die paar Dutzend Football- und Basketballteams der Division I, deren Spiele das Fernsehen überträgt und für die Universitätspräsidenten den Bau immer größerer Stadien und Hallen genehmigen. Sechs Milliarden Dollar hat der Fernsehsender CBS dafür bezahlt, elf Jahre lang Division-I-Basketball übertragen zu dürfen. Das entspricht, aufs Jahr gerechnet, dem Anderthalbfachen dessen, was die Senderechte der deutschen Fußball-Bundesliga derzeit wert sind.

„Dieses System ist total aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt Sue Estroff, Professorin an der University of North Carolina in Chapel Hill. „Eines der Dinge, die uns Sorge bereiten, ist die Ausbeutung der Sportler.“ Denn während Startrainer Jahresgehälter von einer Million Dollar einstreichen, belaufen sich die jährlich erneuerten Stipendien der jungen Sportler auf maximal 30 000 Dollar – schließlich sind sie nach offizieller Lesart Studenten wie alle anderen. Allerdings müssen sie neben 30, 40 Stunden wöchentlichem Training auch dieselbe akademische Leistung bringen, um spielberechtigt zu bleiben.

Das Tricksen fängt schon bei der Zulassung an: Während etwa an der ansonsten wählerischen University of North Carolina normale Bewerber im Schnitt 1220 von 1600 möglichen Punkten im landesweit vorgeschriebenen Aufnahmetest SAT erzielen, erreichen die Basketballspieler nur 905 Punkte. Es geht weiter mit der Auswahl der Kurse: Jon Ericson von der Drake University, wo sich mit der Drake Group eine landesweit beachtete Interessengruppe für Reformen gebildet hat, hat für seine Universität nachgewiesen, dass Mitte der Achtzigerjahre 15 von 20 graduierten schwarzen Basketballspielern dasselbe Hauptfach, Soziologie, hatten. Student-athletes können sich während des vierjährigen Studiums bis zu 60 Prozent ihrer Scheine in Kursen wie Musik, Golf oder Aids-Aufklärung verdienen. Mit den weit verbreiteten „akademischen Betreuungseinrichtungen" speziell für Spieler ist schließlich jene Grauzone erreicht, die in Minnesota die geschilderten Folgen nach sich zog. „Erst wenn die Öffentlichkeit dokumentiert bekommt, dass in einer Mannschaft alle Basketballspieler als Hauptfach Seilklettern haben, alle von denselben drei Professoren unterrichtet werden und überall Einsen kriegen, werden die Universitäten unter Druck geraten", sagt Ericson.

Was die Öffentlichkeit bislang weiß, bringt die NCAA schon jetzt in Erklärungsnot. Für zwei Drittel der schwarzen Basketballer, besonders jene aus einfachsten sozialen Verhältnissen, geht der Traum des Collegediploms nicht in Erfüllung. Und auch das zweite große Ziel, die Aufnahme in die Profiligen, erreichen nur ganz wenige. Doch jeder will Michael Jordan nacheifern, der von North Carolina aus zum größten Basketballer aller Zeiten aufstieg.

Kein Wunder, dass die Macht des Trainers ins Unermessliche steigt: Was der Coach verspricht, wird geglaubt. Und was er sagt, wird gemacht – auch wenn der Trainingsplan zu Dauerabwesenheit in den Kursen und zu ständiger Übernächtigung führt. „Ich habe selten wirklich dumme Sportler getroffen," sagt Murray Sperber, Professor an der Indiana University. „Was ich sehe, sind junge Frauen und Männer, die physisch und psychisch völlig erschöpft sind."

Vor kurzem hat die Leitung der University of North Carolina das Gehalt von Footballcoach John Bunting um 100 000 Dollar auf im Vergleich immer noch verhältnismäßig moderate 260 000 Dollar angehoben. In derselben Sitzung bestätigte das Gremium eine weitere Erhöhung der Studiengebühren, die damit seit 1999 um insgesamt 40 Prozent gestiegen sind. Dabei, und das ist die Ironie des Collegesports, fahren einige große Universitäten Millionenverluste mit ihren Sportprogrammen ein – auf Kosten der Lehre, und das trotz der Einnahmen aus den Übertragungsrechten, Sponsorenverträgen mit Schuhherstellern, Fanshops und hoher Eintrittsgelder. „Collegesport ist eine der irrationalsten Angelegenheiten in Amerika," sagt Sperber.Warum die Universitätspräsidenten das mitmachen? Der Widerstand der Fans, unter ihnen häufig einflussreiche Politiker, gegen Änderungen aller Art sei enorm, sagt der Sportjournalist Glenn Scott: „Normalerweise steht der Job des Präsidenten selbst zur Diskussion, sobald er das System in Frage stellt."

Sperber bietet eine andere Erklärung für das Phänomen Collegesport an: Die großen Universitäten hätten sich angesichts knapper Mittel längst von einer niveauvollen Erziehung ihrer Bachelorstudenten verabschiedet und konzentrierten sich auf den prestigeträchtigen Postgraduiertenbereich. Um dennoch die oftmals fünfstelligen Studiengebühren zu rechtfertigen, locken sie Studenten mit Hilfe erfolgreicher Teams und des daraus resultierenden Partyfaktors an. „Bier und Zirkus" nennt Sperber diese Strategie.

Wenn Sünder zum Glauben finden

Dass sie funktioniert, bestätigt selbst der Präsident von Sperbers sportlich ungemein erfolgreicher Indiana University: „Die Bewerberzahlen steigen an nach dem Gewinn der nationalen Basketballmeisterschaft," sagt Myles Brand. Doch er wisse auch, dass, entgegen anderslautenden Gerüchten, große Sportprogramme keineswegs mehr Spenden für die Lehre brächten. Mit diesem Wissen ausgestattet, hat Brand vor zwei Jahren den zweiten großen Knall verursacht. Gegen den Widerstand der Fans entließ er mit Bobby Knight einen der erfolgreichsten Basketballtrainer des Landes, nachdem dieser mehrfach durch Stühlewerfen am Spielfeldrand und selbstherrliches Gerede auf sich aufmerksam gemacht hatte. Gleichzeitig rief Brand unter dem Motto „Academics First" seine Kollegen zu einem Überdenken ihrer bisherigen Politik auf: „Akademischer Erfolg ist eine notwendige Voraussetzung für jedes erfolgreiche Sportprogramm."

Trotz aller Bekenntnisse und Ankündigungen sind wirkliche Reformen nicht in Sicht. Für Oktober hat die NCAA eine geringfügige Anhebung der akademischen Leistungsstandards für student-athletes versprochen. Und was Brands Ansatz angeht, äußert sich Sperber ebenfalls zurückhaltend. „In seinem Fall bin ich so skeptisch wie bei einem Sünder, der am Ende zum Glauben findet."

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