Sport : Die Stürmer-Anleihe

Bis Mittwoch muss Hertha einen Angreifer holen – da Geld fehlt, soll ein Brasilianer ausgeliehen werden

Michael Rosentritt

Berlin - Am Samstagabend saßen Uli und Dieter Hoeneß in einem Münchner Lokal und speisten. Für ein paar Stunden war das Vorspiel, jenes deutliche 3:0 im Bundesligaduell zwischen dem FC Bayern und Hertha BSC vom Nachmittag, vergessen. Für ein paar Stunden waren sie mal nicht rivalisierende Vereinsmanager; für ein paar Stunden waren sie einfach nur Brüder, die ein bisschen Zeit miteinander verbringen wollten. „Nein“, sagte Dieter Hoeneß am Tag danach in einer Fernsehrunde, „über Roque Santa Cruz haben wir kein Wort verloren.“

Die Sache ist nämlich die: Hertha BSC hat ein großes Problem, ein Stürmerproblem. Den Berlinern mangelt es auf dem Fußballfeld an Durchschlagskraft. Santa Cruz vom FC Bayern stand auf der Wunschliste der Berliner ganz oben. Nur hat Hertha a) nicht das nötige Kleingeld, um den Stürmer aus seinem Vertrag herauszukaufen, und will b) der FC Bayern den Stürmer frühestens im kommenden Sommer abgeben. Hertha sucht weiter.

Aber das nicht erst seit Samstag, sondern spätestens seit dem Karriereende von Michael Preetz vor zwei Jahren. Die erste Saison ohne den Mittelstürmer beendete Hertha fast als Absteiger; die vergangene Saison als Tabellenvierter. Beide Spielzeiten sind nicht repräsentativ: So schlecht, wie die Berliner 2003/04 waren, sind sie nicht. Genauso wenig lässt sich ohne guten Stürmer eine so erfolgreiche Spielzeit wie die vergangene wiederholen. Die Qualitäten der vorhandenen Stürmer sind jedenfalls limitiert.

Spätestens das Spiel in München hat die Diskussion um das alte Thema wieder neu entfacht, wie Hoeneß zugab: „0:3, keine eigene Torgefahr, dann redet man schnell über dieses Thema“, sagte der Manager. Dieter Hoeneß ist genervt, dass es überall heißt: Die finden keinen. „Wir sind finanziell nicht in der Lage so zu reagieren, wie wir es gern würden. Wenn du einen Kracher holen willst, muss du in Dimensionen von zehn Millionen Euro denken.“ Und das ist bei den horrenden Verbindlichkeiten, die die Berliner drücken, nicht möglich. Allein 18 Millionen Euro drücken kurzfristig. Aus diesem Grund verhandelt der Berliner Bundesligist seit Monaten über die Aufnahme einer Anleihe beim Londoner Investment-Banker Stephen Schechter in einem Umfang zwischen 25 und 35 Millionen Euro. Dieses Geld soll zur Umschuldung genutzt werden, nicht aber für einen neuen Stürmer.

Kommenden Mittwoch schließt die Wechselperiode für die Bundesliga. Wie zu erfahren ist, peilt Hertha neuerdings ein Leihgeschäft an. Laut der brasilianischen Tageszeitung „O Globo“ soll sich Hertha für umgerechnet 250 000 Euro 50 Prozent der Transferrechte am 21-jährigen Anderson Costa gesichert haben. Die andere Hälfte bleibt bis 2008 bei dessen bisherigem Arbeitgeber Vasco da Gama aus Rio de Janeiro. „Wir beschäftigen uns damit“, sagte Hoeneß im DSF, „es ist eine von drei Optionen, die wir prüfen.“ Anderson bestritt 68 Pflichtspiele in drei Profijahren und erzielte dabei 15 Tore. „Es ist noch nicht ausgeschlossen, dass wir bis zum Mittwoch etwas machen. In drei Tagen sind wir schlauer“, sagte Hoeneß.

„Es sind ja noch ein paar Tage Zeit, mal sehen, ob der Verein nicht noch einen Stürmer an Land zieht“, sagte Arne Friedrich. Der Mannschaftskapitän und Nationalspieler ist für eine Verstärkung des Kaders auf der Stürmerposition. Gleichwohl sagt er, dass es am Samstag nicht allein an den Stürmern lag. „Wir alle haben zu wenig Fußball gespielt. Die Bayern waren in allen Belangen zwei Klassen besser.“

In der ersten Halbzeit hatte sich Hertha in der Allianz-Arena eine Torchance herausgespielt, in der zweiten gar keine. „Wir erarbeiten uns zu wenig Chancen, das ist ein generelles Problem“, sagte Thorben Marx. Und Torwart Gerhard Tremmel bilanzierte: „Wenn man sich ein 0:0 ermauern will, wird man bestraft.“

Tremmel sprach die Dinge ungewöhnlich deutlich an. Er selbst war zu Saisonbeginn nur deshalb in die Mannschaft gerückt, weil sich Stammtorwart Christian Fiedler schwer verletzt hatte. Da dieser mittlerweile wieder fit ist, könnte das Spiel in München für Tremmel das vorerst letzte gewesen sein. „Das hat nichts miteinander zu tun“, sagte Tremmel und verschwand.

Für Arne Friedrich gibt es „nichts Positives“ aus dem Spiel in München mitzunehmen. „Wir sind einfach noch nicht auf dem Stand der vergangenen Saison“, sagte der Kapitän: „Wir müssen uns jetzt zusammenreißen und mehr Mut für das Spiel nach vorn aufbringen.“ Bis auf Yildiray Bastürk, der viel gelaufen und sehr bemüht war, kam nicht viel. „Der Rest war einfach nicht anwesend“, sagte Andreas Neuendorf, der für den verletzten Gilberto in die Startelf gerückt war. Die Mannschaft hätte sich so viel vorgenommen für das Spiel, „und dann das – wir waren erschreckend schlecht, vor allem ich.“ Neuendorf hofft, dass seine Mitspieler ähnlich selbstkritisch mit ihren Leistungen umgehen. Hertha hat drei Bundesligaspiele absolviert und liegt bei vier Punkten im Mittelfeld der Tabelle. „Das ist nicht die Welt“, sagte Neuendorf, und jetzt kommt Wolfsburg, und dann geht es gegen Schalke. „Es wird Zeit für uns.“

Als Samstagabend die Hoeneß-Brüder speisten, saß Neuendorf im Flugzeug nach Berlin und beobachtete mitreisende Hertha-Fans. Der Fußballer machte sich Gedanken. So habe er sich überlegt, welchen finanziellen Aufwand manche betreiben, um bei ihrer Mannschaft zu sein. „Und dann habe ich mich gefragt, warum ich nicht alles gegeben habe im Spiel? Ich habe nur die billigste Erklärung dafür“, sagte Neuendorf, „nämlich gar keine.“

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